von England hatte bleiben können: „er hätte gewiß einen großen Mann ausmir gemacht; selbst zum Statthalter von Holland hätte er mich machen kön-nen." Und als ihm entgegengehalten wurde, daß er ja selbst ein großer Königsei, erwiderte er: „Ihr redet, wie ihr es versteht; er hätte mich das Handwerkgelehrt, die Armeen von ganz Europa zu kommandieren. Wißt ihr etwas Grö-ßeres?" So sehr fühlte der wunderliche Herr, daß er kein Feldherr gewordenwar. Und als er sterbend in seinem Holzstuhl saß, alle Erdensorgen hintersich geworfen hatte und neugierig an sich selbst den Vorgang des Sterbensbeobachtete, da ließ er noch das Totenpferd aus dem Stalle holen, wie es nachaltem Brauch von der Hinterlassenschaft eines Obersten dem kommandieren-den General übersandt wurde; er befahl, das Roß von seinetwegen zu Leopoldvon Dessau zu führen und die Stallknechte zu prügeln, weil sie nicht die rechteSchabracke darauf gelegt hatten. Ein solcher Fürst zog fast den gesamten
Adel seines Landes nach seinem Bilde und in sein Heer.-------
Denn durch ihn wurde zuerst in dem preußischen Heere eine, wenn auch ein-seitige, Hingebung des Adels an die Idee des Staates hervorgebracht. Zuerstin der Armee der Hohenzollern wurde der Gedanke, daß der Mann sein Lebendem Vaterlande schuldig sei, in die harten Seelen der Offiziere und der Ge-meinen hineingeschlagen. Keinem Teile von Deutschland haben brave Sol-daten gefehlt, welche für die Fahne zu sterben wußten, welcher sie dienten.Aber das Verdienst der Hohenzollern, der rauhen, rücksichtslosen Führereines wilden Heeres, war, daß, weil sie selbst mit einer unbegrenzten Hin-gebung für ihren Staat lebten, arbeiteten, Gutes und Böses taten, sie auchihrem Heere zu der Fahnenehre ein vaterländisches Pflichtgefühl zu gebenwußten. Aus der Schule Friedrich Wilhelms I. wuchs die Armee, mit welcherFriedrich II. seine Schlachten gewann, die den preußischen Staat des 18. Jahr-hunderts zu der gefürchtetsten Macht Europas machte, die durch ihr Blutund ihre Siege der ganzen Nation das begeisternde Gefühl verschaffte, daßauch in den deutschen Grenzen ein Vaterland sei, auf das der einzelne stolzsein dürfe, für dessen Vorteil zu kämpfen und zu sterben jedem die höchsteEhre und den höchsten Ruhm bereite. (Gustav Freytag, Bilder aus der deut-schen Vergangenheit, 1859/1867.)
FRIEDRICH DER GROSSE
Wer zur Zeit Voltaires und Rousseaus Cäsar erwähnte, einerlei in welchemSinn, dachte meist schon an den erstaunlichen König, der Europa in Atemhielt: Friedrich der Große erinnerte über achtzehn Jahrhunderte hinwegdurch die einzige Verbindung von Feldherrngröße, Herrscherkunst und Schrift-stellergenie wieder an den Römer, wie kein voriger Name der Geschichte:denn allen seinesgleichen fehlte entweder die europäische Bildungshelle oderdas Ausmaß und die Wirkung oder der Reiz einer zugleich unheimlichen, an-mutigen und furchtbaren Person. Der einzige Herrscher seit Cäsar, der ihn— nicht an spezifischen Talenten, doch an allseitigem Genie und Zauber —erreichte, ja überbot, sein staufischer Namensvetter, war dem Gedächtnis derAufklärung entschwunden. Ohne Cäsars reinen Stil, freudigen Schwung und
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