Druckschrift 
4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
Seite
125
Einzelbild herunterladen
 

Familie und der Freundschaft; ein bescheidener Abzug, den er dem Vater-lande machte. Hier verklärte sich seine Stirn beim Weine, den ihm fröhlicherMut und Enthaltsamkeit würzten, und die ernste Sorge durfte hier die Jo-vialität seines Geistes nicht umwölken. Sein Hauswesen war prächtig, derGlanz einer zahlreichen Dienerschaft, die Menge und das Ansehen derer, dieseine Person umgaben, machten seinen Wohnsitz einem souveränen Fürsten-hofe gleich. Eine glänzende Gastfreiheit, das große Zaubermittel der Dema-gogen, war die Göttin seines Palastes. Fremde Prinzen und Gesandte fandenhier eine Aufnahme und Bewirtung, die alles übertraf, was das üppige Belgienihnen anbieten konnte. Eine demütige Unterwürfigkeit gegen die Regierungkaufte den Tadel und Verdacht wieder ab, den dieser Aufwand auf seine Ab-sichten werfen konnte. Aber diese Verschwendungen unterhielten den Glanzseines Namens bei dem Volke, dem nichts mehr schmeichelt, als die Schätzedes Vaterlandes vor Fremdlingen ausgestellt zu sehen, und der hohe Gipfeldes Glücks, worauf er gesehen wurde, erhöhte den Wert der Leutseligkeit,zu der er herabstieg. Niemand war wohl mehr zum Führer einer Verschwörunggeboren, als Wilhelm der Verschwiegene. Ein durchdringender fester Blickin die vergangene Zeit, die Gegenwart und die Zukunft, schnelle Besitznehmungder Gelegenheit, eine Obergewalt über alle Geister, ungeheure Entwürfe, dienur dem weit entlegenen Betrachter Gestalt und Ebenmaß zeigen, kühne Be-rechnungen, die an der langen Kette der Zukunft hinunterspinnen, standenunter der Aufsicht einer erleuchteten und freiem Tugend, die mit festem Tritteauch auf der Grenze noch wandelt.

Ein Mensch, wie dieser, konnte seinem ganzen Zeitalter undurchdringlichbleiben, aber nicht dem mißtrauischsten Geiste seines Jahrhunderts. Philippder Zweite schaute schnell und tief in einen Charakter, der, unter den gutartigen,seinem eigenen am ähnlichsten war. Hätte er ihn nicht so vollkommen durch-schaut, so wäre es unerklärbar, wie er einem Menschen sein Vertrauen nichtgeschenkt haben sollte, in welchem sich beinahe alle Eigenschaften vereinig-ten, die er am höchsten schätzte und am besten würdigen konnte. Aber Wil-helm hatte noch einen andern Berührungspunkt mit Philipp dem Zweiten,Welcher wichtiger war. Er hatte seine Staatskunst bei demselben Meister ge-kernt, und war, wie zu fürchten stand, ein fähigerer Schüler gewesen. Nicht,Weil er den Fürsten des Macchiavells zu seinem Studium gemacht, sondern weile r den lebendigen Unterricht eines Monarchen genossen hatte, der jenen inAusübung brachte, war er mit den gefährlichen Künsten bekannt worden,durch welche Throne fallen und steigen. Philipp hatte hier mit einem Gegner2 u tun, der auf seine Staatskunst gerüstet war, und dem bei einer guten Sacheauch die Hilfsmittel der schlimmen zu Gebote standen. Und eben dieser letz-tere Umstand erklärt uns, warum er unter allen gleichzeitigen Sterblichendiesen am unversöhnlichsten haßte und so unnatürlich fürchtete.^en Argwohn, welchen man bereits gegen den Prinzen gefaßt hatte, vermehrtedie zweideutige Meinung von seiner Religion. Wilhelm glaubte an den Papst,solange der Kaiser, sein Wohltäter, lebte; aber man fürchtete mit Grund, daßlft n die Vorliebe, die seinem jungen Herzen für die verbesserte Lehre gegebenforden, nie ganz verlassen habe. Welche Kirche er auch in gewissen Perioden

125