aufwachsen. Dieser Monarch, der in dem Kinde den künftigen großen Mannschon erkannte, behielt ihn neun Jahre um seine Person, würdigte ihn seineseigenen Unterrichts in Regierungsgeschäften und ehrte ihn durch ein Ver-trauen, welches über seine Jahre ging; ihm allein war es erlaubt, um denKaiser zu bleiben, wenn er fremden Gesandten Audienz gab — ein Beweis,daß er als Knabe schon angefangen haben mußte, den ruhmvollen Beinamendes Verschwiegenen zu verdienen. Der Kaiser errötete sogar nicht, einmalöffentlich zu gestehen, daß dieser junge Mensch ihm öfters Anschläge gebe,die seiner eigenen Klugheit würden entgangen sein. Welche Erwartungenkonnte man nicht von dem Geiste eines Mannes hegen, der in einer solchenSchule gebildet war!
Wilhelm war dreiundzwanzig Jahre alt, als Karl die Regierung niederlegte,und hatte schon zwei öffentliche Beweise der höchsten Achtung von ihm er-halten. Ihm übertrug er, mit Ausschließung aller Großen seines Hofes, dasehrenvolle Amt, seinem Bruder Ferdinand die Kaiserkrone zu überbringen. Alsder Herzog von Savoyen, der die kaiserliche Armee in den Niederlanden kom-mandierte, von seinen eigenen Landesangelegenheiten nach Italien abgerufenward, vertraute der Kaiser ihm den Oberbefehl über diese Truppen an, gegen dieVorstellungen seines ganzen Kriegsrates, dem es allzu gewagt schien, den er-fahrnen französischen Feldherren einen Jüngling entgegenzusetzen. Abwesendund von niemand empfohlen, zog ihn der Monarch der lorbeervollen Scharseiner Helden vor, und der Ausgang ließ ihn seine Wahl nicht bereuen.Wilhelm von Oranien gehörte zu den hagern und blassen Menschen, wie(Shakespeares) Cäsar sie nennt, die des Nachts nicht schlafen und zu vieldenken, vor denen das furchtloseste aller Gemüter gewankt hat. Die stilleRuhe eines immer gleichen Gesichts verbarg eine geschäftige, feurige Seele,die auch die Hülle, hinter welcher sie schuf, nicht bewegte, und der List undder Liebe gleich unbetretbar war; einen vielfachen, furchtbaren, nie ermüden-den Geist, weich und bildsam genug, augenblicklich in alle Formen zu schmel-zen, bewährt genug, in keiner sich selbst zu verlieren, stark genug, jedenGlückswechsel zu ertragen. Menschen zu durchschauen und Herzen zu ge-winnen, war kein größerer Meister als Wilhelm; nicht daß er, nach der Weisedes Hofs, seine Lippen eine Knechtschaft bekennen ließ, die das stolze HerzLügen strafte, sondern weil er mit den Merkmalen seiner Gunst und Verehrungweder karg noch verschwenderisch war und durch eine kluge Wirtschaft mitdemjenigen, wodurch man Menschen verbindet, seinen wirklichen Vorratan diesen Mitteln vermehrte. So langsam sein Geist gebar, so vollendet warenseine Früchte; so spät sein Entschluß reifte, so standhaft und unerschütter-lich ward er vollstreckt. Den Plan, dem er einem als dem ersten gehuldigthatte, konnte kein Widerstand ermüden, keine Zufälle zerstören, denn allehatten, noch ehe sie wirklich eintraten, vor seiner Seele gestanden. So sehrsein Gemüt über Schrecken und Freude erhaben war, so unterworfen war esder Furcht; aber seine Furcht war früher da, als die Gefahr, und er war ruhigim Tumulte, weil er in der Ruhe gezittert hatte. Wilhelm zerstreute sein Goldmit Verschwendung, aber er geizte mit Sekunden. Die Stunde der Tafel warseine einzige Feierstunde, aber diese gehörte seinem Herzen auch ganz, seiner
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