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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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es in Wirklichkeit niemand mehr über ihm, als Kaiser und Papst. Mitten imVollgefühl seiner Macht bleibt er derselbe. Kaiser Karl erhebt ihn zum Fürstenund setzt ihn damit in der Ordnung des Reiches den Ersten zur Seite. Es istam Vorabend des Jahres 1526, als die Ereignisse plötzlich sich überstürzen.Der fast schon vollzogene Landesverrat des Erzbischofs drängt zur Entschei-dung; die Stände treten zusammen und rufen den Meister zum Herrn aus:die Katastrophe kündet sich an.

Bis hierzu ist er von Stufe zu Stufe gestiegen unter dem Schatten des Rechts;mit der höchsten Macht hat er noch jederzeit die höchste Gerechtigkeit ver-einbart. Noch einen Schritt, und er steht am Ziele. Die Stände drängen, nichtlänger zu zögern.

Allein, was sie begehren, hat einen anderen Sinn. Die alte Konföderationwollen sie sprengen: ein neues Gesetz soll herrschen. Den Eckstein soll erzerschlagen, das alte Recht, und sich zum Gesetz machen. Er zögert nichtlange; er hält seinen Schritt zurück: so fällt der Anschlag der Exaltierten.Allein, in aller Mäßigung entsagt er nicht seinen Plänen. Wenige Monatedarauf sehen wir alle Herren und Stände ihm als Schirmherrn schwören,darunter der Erzbischof selber. Die Konföderation bleibt bestehen; die Herrenbleiben im Lande, jeder Stand in seinen Rechten; scheinbar ist alles beim alten.Und doch, welche tiefe Erneuerung, welcher Umschwung der Dinge, welcheZukunft voll Macht und Frieden und in der Fülle der Macht welche Weisheit.Kein Feind ist gekränkt, weder drinnen noch draußen. Den Herrn, wie dieStände ihn ausriefen, war der König von Polen, der Protektor des Erzstifts,berechtigt, genötigt, mit allen Waffen der Intrigue und des Krieges zu stürzen.Dem Protektor gegenüber ist der Protektor entwaffnet. Das größtmöglicheMaß der Macht ist gewonnen in Frieden, in Einigkeit, in Aussicht glücklichererZeiten.

Tiefer als irgendein Staatsmann vor oder nach ihm hatte er das Lebensgesetzdieses Landes begriffen, seine Mittel gewägt, die Höhen gemessen, zu denen erhinaufzureichen vermochte. Fern jeder eitlen Überschätzung, jeder träume-rischen Überstürzung, faßte er fest das Erreichbare ins Auge und erstrebtenicht mehr und nicht minder. Erhalten wollte er und erneuern, stützen undkrönen,vollenden und veredeln: nicht zerstören, nicht alles wagen, wo

nichts zu gewinnen stand, als unabwendbarer Untergang.-------

Bedürfte es der Folie für seine Größe, für jene unerreichte Mischung von weiserMäßigung und männlichem Willen: die nach ihm kamen, würden sie bieten,vom ersten bis zum letzten, bis zu jenem Kettler, welcher das Land verkauftund verraten und sich dann schrieb von Gottes Gnade. Da war das Programmerfüllt des Tages von 1526. Da gab es einen erblichen Herrn und neben ihmkeinen der alten Herren im Lande; aber der Herr war Knecht des Königsvon Polen, und überall in den Landschaften herrschten fremde Gesetze, undvom Erbteil der Freiheit war lange nichts zu spüren, als Haß und Verrat, Un-willen aller gegen alle, Ermattung, Ohnmacht, Verödung der Herzen undGeister ohnegleichen.

Da war der alte Meister längst tot und mit ihm seine Entwürfe.Keinen hat ein so reines Andenken überlebt mitten in dem parteizerrissenen

8 Wolters, Der Deutsche. IV, 2.

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