Nowgorod verwiesen, mit den zarischen Statthaltern um Frieden zu dingen,verhängnisvolle Bedingungen einzugehen und unter barbarischem Hohnkaum ihr Leben nach Hause zu retten. Nicht einen Frieden, nicht fünfzigJahre der Ruhe: nur einen Stillstand, nur sechs Jahre der Ungewißheit bringensie heim und die Aussicht auf blutigere Fehden.
In jenen Russenkämpfen scheint dem Helden zum Voraus die Summe seinesLebens gezogen: siegen und nicht des Sieges genießen. Nicht wie von Wunderngekrönt, nicht in der Fülle heroischen Selbstgefühls tritt er sein Amt an, desLandes zu walten: unter schweren Sorgen geht ihm die Zukunft auf, unterGefahren von außen und gefährlicherer Feindschaft im Lande.Von Jahr zu Jahr wachsen die Gefahren: von Jahr zu Jahr seine nie erschüt-terte Ruhe. Man sehnt sich, endlich ihn hineingerissen zu sehen in eine ge-waltige Katastrophe, zu wilder Kraftanstrengung, zum Selbstvergessen seinergemessenen Weisheit. Überall sucht er Frieden. So oft der innere Hader sicherneut: so oft hält er ihn nieder; so oft er ihn niedergehalten: so oft erneut sichder alte Hader. Über zwanzig Jahre sind so vergangen, seit er die Russengeschlagen; die halbe Welt ist aus den Angeln; eine andere Zeit ist ange-gangen in den Herzen und in den Gemeinen; alles strebt einer tiefen Erneue-rung entgegen; die alte livländische Konföderation wird erschüttert in ihrenGrundfesten — dennoch bleibt sie unverändert und unverändert in ihr derweise, alternde Meister.
Im livländischen Staatenbunde waren von frühe zwei Stellungen scharf aus-geprägt und gegeneinander gemessen. Die Bischöfe bilden gleichsam denChor des Dramas; zwar mischen sie sich gelegentlich in den Streit der Helden;auch haben sie ihren häuslichen Hader: im Vordergrund der Bühne, in un-unterbrochener Aktion erscheinen nur Erzbischof und Heermeister, seltenin freundlicher Begegnung, nicht selten in offenem Kampfe, ihnen zur Seiteder Chor, bereit, dem Sieger die Palme zu reichen. Das fünfzehnte Jahrhundertist erfüllt von blutigen Greueln dieses Hasses. Als mit dem Anfang des sech-zehnten neben dem männlich-jugendlichen Plettenberg der alte ErzbischofMichael auf den russischen Schlachtfeldern ausliegt, da ist nach langer Zeitdie erste Pause eingetreten in der erbitterten Fehde; auf lange Zeit ist es zu-gleich die letzte. Nur einmal wieder, nach einem halben Jahrhundert, stehenErzbischof und Heermeister eines Sinnes nebeneinander, zum letzten Male, ehebeide Titel erlöschen, reichen sie sich die Hände, um — gemeinsam das Vater-land zu verkaufen. Zwischen diesen beiden Pausen, zwischen 1509 und 1557,in einer Periode von vierzig Jahren steigert sich die letzte Phase des Jahr-hundertalten Kampfes zur vollen Spannung einer Katastrophe, und, als sie
vorüber, fällt die gesamte livländische Konföderation.--------
In Livland war alles auf Traditionen begründet. Die Stifter ruhten auf dem Be-griff der Kirche und des kanonischen Rechtes; der Orden auf dem Gelübdedes Gehorsams, der Armut, der Keuschheit: auf seinem Banner führte er dasßild der Gottesmutter; im Namen Maria waren ihm Ehre und Existenz besie-gelt. Mit allen diesen Mächten und Traditionen brach die Reformation. And ie Stelle des Gehorsams setzte sie das Gewissen, an die Stelle der Armut dieSäkularisation der Güter; an die Stelle der Keuschheit die Ehe; das Bild der
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