Es ist keine Sentimentalität zwischen Mutter und Sohn. Die alte Mutter, dievon dem Wahn, Anteil an der Regierung zu nehmen, längst zurückgekommenwar, und der glorreiche Sohn, der mit ihr gehadert, aber jetzt alles vergessenhatte, scheinen einander wert gewesen zu sein. Bald darauf ist Mathilde ge-storben, i
Otto hat alsdann die kaiserliche Autorität in Rom wiederhergestellt und seineAufmerksamkeit auf den Orient gerichtet. Seine Regierung hat einen Grund-zug, der an die Familie anknüpft; sein natürlicher Sohn Wilhelm, Erzbischofvon Mainz, verwaltete das Reich, sein Bruder Bruno, Erzbischof von Köln,sicherte ihm eine dauernde Beziehung zu den vornehmsten westfränkischenHäusern; die großen Herzogtümer waren mit Angehörigen seines eigenenHauses besetzt. Bei seiner Größe entschwanden ihm doch niemals die Er-innerungen aus früherer Zeit; in einem langen Lebenslauf knüpfen die ent-fernten Momente unaufhörlich aneinander: man hat verzeichnet, wie freudiger aufsprang, wenn ihm in Italien der Besuch eines alten Freundes aus Deutsch-land gemeldet wurde. Auf der Vogelbeize hat man ihn altgewohnte Weisenwiederholen hören. Er war fünfunddreißig Jahre geworden, ehe er ein Buchhatte lesen können: aber er hatte einen angeborenen Sinn für Literatur undWissenschaft; noch bei seinem letzten Aufenthalt in Rom hatte er Gerbert,den gelehrtesten Mann der Epoche, in seine Bekanntschaft gezogen. Es istein gewisser Schwung in diesem Leben, der fast noch mehr in den Begeben-heiten hervortritt, die zwischen äußerer Gefahr und großen Erfolgen schwan-ken, als in Kundgebungen persönlicher Gefühle.
Das Gefühl seiner Gesamtstellung mochte den Kaiser beleben, als er sich imJahre 973 nach seiner heimatlichen Pfalz und Kirche begab, nach Memlebenan der Unstrut, da, wo dieser an der Oberfläche ruhige und stille, in der Tiefeaber in starker Strömung wogende Fluß sich aus dem Tale einen Wegdurch die benachbarten Berge gebrochen hat, die noch ihre in das höchsteAltertum reichenden Namen bewahrt haben. Man nimmt an, daß es eine alt-germanische Begräbnisstätte gewesen sei. Wer jemals die Ruinen des Ortesbesucht hat, wird dort weder ohne Freude an der lebensvollen Umgebung, nochohne schmerzliche Teilnahme für die alten Gründer verweilt haben, die da-selbst ihr Lebensziel erreicht, wie schon Heinrich I. so auch Otto. Er war am6. Mai daselbst angekommen. Man hat mehr vorausgesetzt, als aus alten Nach-richten bestätigt wird, daß er mit Todesahnungen dahin gelangt sei. Aber derTod war in ihm. Am 7. hat er noch die Stunden kirchlicher Andacht inne-gehalten, nicht ohne sie durch Ruhe zu unterbrechen, und den Armen, wiedie Chronik sagt, seine Hand dargeboten. Bei Tische erschien er heiter. Alser in der Vesper den Gesang des Evangeliums angehört hatte, ist er vom Todes-schauer betroffen worden. Von Hitze und Schwachheit überrascht, ward erauf einen Sessel gebracht, empfing daselbst noch das Abendmahl, das denMenschen bei seinem Abschiede aus dem Irdischen mit dem Unvergänglichenin Berührung bringt; dann ist er ohne vorhergegangene Krankheit, ohneTodeskampf verschieden. So erlag der Mann, welcher als der Herr der abend-ländischen Welt angesehen werden konnte, unerwartet dem Schicksale derSterblichen. Die Fülle einer unerschöpflichen Lebenskraft hatte ihn bis an
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