gedankens werden sich aber die Abkömmlinge unserer deutschen Voreltern,mögen sie auch noch so sehr in moderne Ideen verrannt sein, nimmer in eineFranzosenuniform — mag sie eine Jakobinermütze oder ein konstitutionellerFrack sein — einzwängen lassen. Vollständiger Bruch mit dieser Periodefranzösischer Imitation für unsere innere Politik ist die notwendige Bedingunggesunder innerer Verhältnisse. (Wilh. Emanuel Freiherr von Ketteier, Bischofvon Mainz, 1867.)
WISSENSCHAFT — BILDUNG — KUNST
Die Wissenschaft geht vom Objekt, die Bildung vom Subjekt aus. DieWissenschaft strebt nach Erkenntnis der Sachen, die Bildung nach Entfaltungder Persönlichkeit. Nicht die Menge des Gewußten bestimmt den Wert der Bil-dung, sondern daß alle Stücke, ob viel oder wenig, sich in geordnetem Zu-sammenhang befinden. Die Wissenschaft ist nach ihrem Wesen übernational,Bildung entsteht nur auf dem Boden, in dem die Persönlichkeit ruht, demBoden der Nation. Es gibt keine deutsche, französische oder englische Wissen-schaft, wohl aber eine deutsche, französische oder englische Bildung. Die Bil-dung kann um ihr nationales Zentrum einen weiten, weltbürgerlichen Kreisbeschreiben, aber ohne die Beziehung auf dies Zentrum verliert sie sich insLeere. Die deutsche Wissenschaft darf nicht gescholten werden, weil sie vonWinckelmann bis auf Burckhardt und Justi mehr mit fremder als mit deutscherKunst sich beschäftigt hat: — Die deutsche Bildung ging fehl, als sie denselbenWeg ging. Sie soll vielmehr wissen, daß keine andre Kunst sie näher angehenkann als die deutsche. Dies zu sagen ist nicht Überhebung oder Engherzigkeit— am wenigsten die Meinung, daß in der deutschen Kunst in vorzüglicheremMaße als anderswo „Schönheit" zu finden sei — dies Ding, von dem AlbrechtDürer sagte: „Die Schönheit, was das ist, das weiß ich nicht"—; nein, ein an-deres führt darauf hin, dies, daß wir in ihr etwas finden, was keine fremde,auch die vollkommenste nicht, uns bieten kann: uns selbst. Hinter den Kunst-werken stehen die Menschen: die, die sie schufen, und die, für die sie geschaffenwurden. Deutsche Kunst in uns aufnehmen heißt: in Kontakt mit dem Seelen-leben unserer Vorfahren treten. Deutsche Kunst verstehen heißt: uns selbstverstehen, unsere angeborenen Anlagen und was das Schicksal aus ihnen ge-macht hat, unser Selbstgeschaffenes und unser Erworbenes, unser Erreichtesund unser Versäumtes, unser Glück und unsere Verluste — alles in allem: dieKunst als etwas mit der Ganzheit des geschichtlichen Lebensprozesses unseresVolkes unlöslich Verbundenes . . . Wie hat in unseren Tagen das Antlitz derWelt und unseres Vaterlandes sich verändert: Finsternis liegt über dem Heuteund Dunkelheit über dem Morgen. Aber niemals dürfen wir uns den geistigenZusammenhang mit unserer Vergangenheit zerreißen lassen.Heute noch darf ich diese letzten Zeilen des Buches an dem Ort schreiben, andem es — nicht zufällig — entstanden ist, im Angesicht des Münsterbaues,dessen Steine in Ewigkeit deutsch reden werden, auch dann noch, wenn bei denMenschen um ihn her der letzte deutsche Laut verklungen sein wird, ab-geschworen und vergessen. (Dehio, Geschichte der deutschen Kunst, 1918.)
96