geheimnisvollen Wohnsitzen des Heiligen Kommende, wo das Gefühl der ritter-lichen Ehre und Liebe, des stolzen Gehorsams herrührt — aussprechen will,der kann diese Sprache nicht entbehren; und wer nicht so etwas zu sagen hat,der würde ihr und ihrer Ausbildung nichts helfen können. Von selbst in denMund legt sie sich nicht! ohne Charakter, ohne Selbständigkeit, ohne Ur-sprünglichkeit der Geisteskraft ist es unmöglich, diese Sprache gut zu sprechen.Mit Phrasen, die für jeden Mund passen, mit künstlichem Glanz, mit einemSchein von Geist und Witz, den der Geistloseste sich aneignen könnte, kannsie nicht aufwarten: sie hat keine Corneilles, keine Racines, keine Bossuets,keine Akademien, welche ein ganzes folgendes Jahrhundert mit schönen Wen-dungen der Rede im voraus versehn, kein siecle de Louis XIV., das für langeZeiten nachher das Vortrefflichste schon vorweggesprochen hätte. Es fehltihr, habe ich gesagt, die gesellige Vollendung: das Bestreben der einzelnendeutschen Redner und einige glückliche Wendungen des öffentlichen Lebensder Nation können selbige erreichen, darum muß auch an die mechanischenVorzüge der benachbarten Sprachen erinnert werden. Ich habe es getan, mitAnklage meines Vaterlandes getan. Nichtsdestoweniger aber weil der neueGeist aller Worte und Wendungen dieser Sprache sich nicht töten läßt, so trägtsie das Siegel der Fortdauer an ihrer Stirn, wie keine andre Sprache. Um diesesGeistes willen kann man festiglich glauben, daß die Sprache der Besiegten längerleben werde als die der Sieger, und in diesem Sinne dann dreist verkünden, daß,weil die Sprache fortdauern werde, auch das Volk nicht untergehen könne.Dieser Geist nun gibt der Sprache die Gewandtheit und Beweglichkeit, mitder sie eingeht in die Meisterstücke aller Völker und Jahrhunderte; was alleNationen in der Zeit ihrer Blüte ersonnen, gesprochen und gesungen, ist inDeutschland versammelt. Nur in deutscher Sprache sind Übersetzungenmöglich: aus dem Standpunkt dieser Sprache läßt sich, was alle anderen inihren glänzendsten Tagen gedacht und empfunden haben, wie mit einem Blickeübersehen. Diese Sprache kann es sich allenfalls gefallen lassen, wenn ihr derZutritt in die höheren Kreise des vorübergehenden Gesellschaftslebens ver-sagt wird: das Größte, was die bürgerliche Gesellschaft auf ihrer ewigen Lauf-bahn erschwingt, gehört ihr um so sichrer. Ihr fehlt nichts, als daß sie ge-sprochen werde, und glücklicherweise neigt sich die Herrschaft der Federüberall ihrem Ende entgegen: weder der Buchstabe noch das Geld werden unsreStaaten retten, dies Höchste, diese Bedingung aller unsrer Zukunft über-haupt, gewährt nur das lebendige Wort und die lebendige Tat. (Adam Müller,Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfall in Deutschland, 1812.)
RELIGIÖSE SPALTUNG
Zu einem Einheitsstaat in jeder Beziehung werden wir es nicht bringen, weiles — wenigstens vorerst — nicht möglich ist, in allen wichtigen Dingen Ein-heit der Gesinnung hervorzurufen. Es fehlt die religiöse Einigung. Die blickennach Rom, die ganze Hälfte der deutschen Nation, Die separieren sich zu Son-derkirchen, die alle anderen befehden. Daraus erwächst uns für deutsche ein-heitliche Gesinnung kein Heil, sondern Unheil nach wie vor. Ich breche aber
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