Von Anbeginn ist dies nicht also gewesen. Ursprünglich dachte der Mensch,er handelte und genoß, er sprach und hörte. Wenn er schreiben konnte, schrieber, nur aber was zu schreiben war, nicht ward er selbst ohne zu sehen und
zu hören ein schreibender Buchstab, jetzt-----------
Ist dessen die menschliche Natur fähig? kann sie es ertragen? verwirren sichin diesem gedruckten Babel nicht alle Gedanken? Und wenn dir jetzt täglichnur zehn Tages- und Zeitschriften zufliegen und in jedem nur fünf Stimmenzutönen, wo hast du am Ende deinen Kopf? wo behältst du Zeit zu eignemNachdenken und zu Geschäften? Offenbar hats unsre gedruckte Literaturdarauf angelegt, den armen menschlichen Geist völlig zu verwirren und ihmalle Nüchternheit, Kraft und Zeit zu einer stillen und edlen Selbstbildung zurauben. Selbst in der Gesellschaft sind die menschlichen Stimmen verhallet;Romane sprechen und Journale. (Herder, Briefe zur Beförderung der Huma-nität, I793/I797-)
TOTER BUCHSTABE UND TOTES GELD
Der Wunderglaube an die edlen Metalle und an die Presse, der die Gemüterdergestalt beherrschte, daß er allen andern Wunderglauben der früheren Weltabgelöst zu haben schien, ist zu Ende: kein Montecuculi der Nachwelt wirdsagen dürfen, das erste Requisit des Krieges ist Geld, das zweite Geld, dasdritte Geld; kein Friedrich der Nachwelt wird sagen dürfen, wer den letztenTaler in der Tasche behalte, werde siegen: kein Voltaire der Nachwelt wirdohne irgendeine große Tat eine Weltherrschaft über die Meinungen bloß mitder Buchdruckerkunst durchzusetzen unternehmen. Buchdruckerkunst undMetallgeld haben ihre Macht verloren durch den Mißbrauch: mächtig sind diese,wie alle anderen Hilfsmittel der Menschheit, nur durch das Maß und dieSchranken, in welchen sie gebraucht werden, mächtig nur neben den andernDingen, welche sie in unsrer ausschweifenden Zeit zu verdrängen unternom-men haben. --------
So will ich mich denn daran erinnern, daß ich ein Deutscher bin und daß ichder Beredsamkeit meines Volkes eine glänzende Genugtuung schuldig bin.Erst muß man sich des zerrissenen bürgerlichen Zustandes unsres Volks rechtlebhaft erinnern; man muß bedenken, wie keine vornehme Gesellschaft,keine Hauptstadt, kein Hof diese unsre Literatur getragen hat, bedenken,wie diese Sprache in einzelnen stillen Verbindungen näherer Freundschaft,aber nie in großen Versammlungen des Volks oder Parlamenten ausgesprochenist, wie alle Rede sich in den Buchstaben flüchtete, wie die Luft, in die dergroße Dichter und Redner gesprochen hatte, keinen Ton zurückbrachte, keinenartikulierten Beifall, keine Antwort, als etwa die des einzelnen schönen Herzens— alles dies muß man bedenken, um die innere, leider verdeckte und ver-borgene Kraft unseres Volkes zu fühlen. Wie haben wir in diesen letztenfünfzig stummen Jahren sprechen gelernt? Wie hat sich diese Sprache ge-bildet grade in der Zeit, wo alle Glieder der höheren Gesellschaft sich von ihrabwendeten! Es lebt in ihr ein Geist, der sie bildet und keiner vornehmenStütze bedarf: wer das recht Empfundene aus den Tiefen der Seele, aus jenen
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