Druckschrift 
4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
Seite
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Denn man bemerke. Eben in dem Jahrhunderte, in dem das Lumpenpapierin Gebrauch kam, traten auch jene längeren Romane hervor, die vorher jahr-hundertelang kurze Volksmärchen oder Lieder und Fabeln gewesen waren.Wie entfernt zum Beispiel hatte Karl der Große vom Erzbischof Turpin, KönigArtus von Gottfried von Monmouth, Wolf-Dietrich von Eschilbach und jederandere Romanheld von seinem Chronik- oder Romanschreiber gelebt! Keinervon diesen Schreibern erfand die Fabel, die er in die Büchersprache brachte;sie war längst im Munde der Sänger oder des Volks gewesen und in ihm viel-fach verändert worden. Jetzt nahm sie der Genius der Unsterblichkeit auf:denn das Lumpenpapier war erfunden. Allgemach lernte man lesen, da mansonst den Sänger und Fabelerzähler nur hatte hören können.So vermehrten sich Chroniken, Romane, allmählich auch Abschriften derAlten. Wäre die Erfindung des Lumpenpapiers früher gekommen, wie vielweniger wäre untergegangen! wie viel Schätzbares hätten wir ihr zu danken!Und noch sind wir ihr sowohl durch Überschreibung aus älteren Pergamenten,als durch die von ihr veranlaßte Umarbeitung aller Sagen und sonst, vielschuldig.

Was indessen ehemals das ägyptische Schilf (ßißXo?) getan hatte, daß es näm-lich die griechischen Rhapsoden allmählich verstummen machte und stattihrer lebendigen Gesänge Bücher (ßißXia) in die Hand gab, das taten mit derZeit auch die Baumwoll- und Lumpenschriften. Provenzalen und Trouba-douren, Fabel- und Minnesinger schwiegen allmählich: denn man saß undlas. Je mehr sich Schriften vermehrten, desto mehr verminderten sich ganzeigentümliche, freie Gedanken, endlich ward der menschliche Geist ganz inLumpen gekleidet. Auf diese ward geschrieben, was man lesen und nicht lesenwollte; mochte es am Ende sich selbst lesen!

Nun trat die Buchdruckerei hinzu und gab beschriebenen Lumpen Flügel. Inalle Welt fliegen sie, mit jedem Jahr, mit jeder Tagesstunde vom ersten er-wachenden Morgenstrahl an wachsen dieser literarischen Fama die Schwingen,bis an den Rand der Erde. Jenes Orakel:Wenn Menschen schweigen, sowerden Steine schreien", ist erfüllt; worüber Menschenstimmen schweigen,darüber sprechen und schreien gegossene Buchstaben, merkantilische Hefte.Nach so vielen andern eine Lobrede der Buchdruckerei zu halten, wäre ein sehrunnötiges Werk; wir wissen alle, was wir an ihr haben. Nur durch sie, erstdurch sie ist zusammenhangende und verglichene Erfahrung des menschlichenGeschlechts, Kritik, Geschichte und eine Welt der Wissenschaften worden.Aber auch was wir an ihr nicht haben, ist zu bemerken: was sie nämlich nichtgeben kann, ja, worin sie stört. Eignen Geist nämlich kann sie nicht geben;lebhafteren, tieferen Genuß an der Quelle des Wahren, Guten und Schönenmag sie durch die unzählbare Konkurrenz fremder Gedanken hier befördern,dort aber auch hindern.

Mit der Buchdruckerei nämlich kam alles an den Tag, die Gedanken allerNationen, alter und neuer, flössen ineinander. Wer die Stimmen zu sondernund jede zu rechter Zeit zu hören wußte, für den war dies große Odeum sehrlehrreich, andre ergriff die Bücherwut, sie wurden verwirrte Buchstabenmännerund zuletzt selbst in Person gedruckte Buchstaben.

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