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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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Glück, auf jeden Mißtritt, auf jeden Überschwung der Wage merkend. Ruhigwandelt der Geist der bessern und besten Weisen Griechenlands und Roms inLehre sowohl als in der Unterredung einher, Feind alles Aufbrausens, alleswunderlichen Zickzacks, Feind aller Donnerschläge aus dem Becken und desUnsinns übelgepaarter Figuren, hergeholt aus aller Welt Ende. Mit Wenigemgaben die Alten viel; wir Weniges oder Nichts mit Vielem. Sie schrieben ein-fache Unzialbuchstaben; unser Stil malt gotische Mönchszüge, wo tausendKräuseleien doch nur einen Buchstaben, der oft schwer zu erkennen ist, be-deuten. Sie lehrten, daß man wenig und nur das Beste, aber gut lesen, daßman im Leben kcxXov K'(rfa6ov das uns Anständige, Edelste und Beste, aufsbeste treiben und dazu unermüdlichen Fleiß anwenden solle; wir arme Ixionsdrehen das Rad und werden daran gedreht, wir wälzen Sisyphus' Steine undwerden gewälzt, haschen wie Tantalus neugierig und werden nimmer, o nim-mer gesättigt, erlabet. (Herder, Von den Gefahren der Vielwisserei und Viel-tuerei, 1801.)

ANTIKE UND CHRISTLICHE GESCHICHTSCHREIBUNG

Historie hieß den Griechen die Begierde und das Forschen nach dem Wissens-würdigen, historisch das Wissenswürdige selbst. Wir Deutschen haben fürbeides Geschichte und geschichtlich, zwei Worte, die ein viel weiteres Feld um-fassen, den unendlichen Inhalt alles Geschehenen. Der Grieche wollte etwaswissen, danach fragte und forschte er, aber er setzte sich ein Maß, indem erdas Wort wissenswürdig aussprach: der Kluge wählte. Der Deutsche gestehtgeradezu, daß er alles wissen will, daß alles, was geschieht, ihm merkwürdigist, er hat die Weite des Chaos, wo alles und nichts beieinander liegt: derFleißige sammelt. Wir wollen sehen, wie beide es machten und machen,so werde ich kurz hinweisen können, wie ich meine, daß man es machensollte.

In der Alten Welt lag alles enger und näher, sie sah nicht so weit als wir, aberwas sie sah, das sah sie schärfer und tiefer. Weil sie weniger wußte als wir, sokonnte sie mehr; denn je mehr der Mensch lernt, desto mehr scheint er zuzweifeln, ob er etwas könne oder sei. Man lebte damals mehr und lernte weni-ger, das Weltwesen und der Mensch standen hell und klar vor dem Blick desForschers: er erzählte nicht gern mehr, als was er sah, er machte die irdischenDinge weder dümmer noch klüger, als sie sind. Endlich, weil sie das Wissennicht für das Erste hielten, mischten sie nicht immer alles mit ein, was siewußten, wie die kümmerliche Eitelkeit der Neueren zu gern tut. Immerwar ihnen das Lebendige vor dem Toten, und sie bewegten sich munter fortmit der bewegten Welt. So kam frisches Vertrauen auf sich selbst, kühneBeständigkeit, klarer Weltverstand ihnen von selbst; sie wagten zu sein, wassie waren, zu sprechen, was sie dachten. Ihr Gottesdienst, ihre Feste, ihrganzes Leben zeigten ihnen den Menschen als einen Götterverwandten, alseinen Mitschöpfer, einen Demiurg des Erdbodens, dem er einst entsprossenwar. Die physische und kosmische Kraft war ihnen bedeutend und weltbildendund weltzerstörend, sie war ihnen Element, eine Gewalt, vor welcher sie zitter-

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