Schäften, wo er verkehrt, gewerbsmäßig zum Kolporteur von Lügen und Ver-leumdungen gegen andre Genossen seiner Gesellschaft und seines Standeszu machen? Wer würde sich nicht schämen, auf diese Weise unbescholteneLeute unehrlicher Handlungen zu beschuldigen, ohne sie beweisen zu können?Kurz, wer würde anderswo als auf dem Gebiete politischer Parteikämpfedie Rolle eines gewissenlosen Verleumders bereitwillig übernehmen? So-bald man aber vor dem eignen Gewissen und vor der Fraktion sich damit deckenkann, daß man im Parteiinteresse auftritt, so gilt jede Gemeinheit für erlaubtoder doch für entschuldbar. (Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, 1898.)
DER PHILISTER
Philister leben nur ein Alltagsleben. Das Hauptmittel scheint ihr einzigerZweck zu sein. Sie tun das alles um des irdischen Lebens willen, wie es scheintund nach ihren eigenen Äußerungen scheinen muß. Poesie mischen sie nurzur Notdurft unter, weil sie nun einmal an eine gewisse Unterbrechung ihrestäglichen Laufs gewöhnt sind. In der Regel erfolgt diese Unterbrechung allesieben Tage und könnte ein poetisches Septanfieber heißen. Sonntags ruhtdie Arbeit, sie leben ein bißchen besser als gewöhnlich, und dieser Sonntags-rausch endigt sich mit einem etwas tieferen Schlafe als sonst, daher auchMontags alles noch einen rascheren Gang hat. Ihre parties de plaisir müssenkonventionell, gewöhnlich, modisch sein, aber auch ihr Vergnügen verar-beiten sie, wie alles, mühsam und förmlich.
Den höchsten Grad seines poetischen Daseins erreicht der Philister bei einerReise, Hochzeit, Kindtaufe und in der Kirche. Hier werden seine kühnstenWünsche befriedigt und oft übertroffen.
Ihre sogenannte Religion wirkt bloß wie ein Opiat: reizend, betäubend, Schmer-zen aus Schwäche stillend. Ihre Früh- und Abendgebete sind ihnen, wie Früh-stück und Abendbrot, notwendig. Sie können es nicht mehr lassen. Derderbe Philister stellt sich die Freuden des Himmels unter dem Bilde einer Kir-mes, einer Hochzeit, einer Reise oder eines Balls vor: der sublimierte machtaus dem Himmel eine prächtige Kirche mit schöner Musik, vielem Gepränge,mit Stühlen für das gemeine Volk parterre, und Kapellen und Emporkirchenfür die Vornehmeren.
Die schlechtesten unter ihnen sind die revolutionären Philister, wozu auch dieHefe der fortgehenden Köpfe, die habsüchtige Rasse gehört. (Novalis, Blüten-staub, 1798.)
ANTIKE EINFACHHEIT GEGEN MODERNE GEBROCHENHEIT
Wozu lesen wir die Alten, als daß ihre hohe Einfalt, ihre gründliche Würde,ihr gesetzter Gang, ihr ruhiger, weiser, tiefer Geschmack sowohl im Lernenals im Handeln und Leben unser Vorbild werde? Majestätisch schreitet Homereinher, ruhig die Dinge anschauend und erzählend, nie aus sich selbst gejagt,nie verworren in Grundsätzen und Bildern. Einfach schreitet das griechischeTrauerspiel einher, abwägend Gesinnungen und Charaktere, Umstände und
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