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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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Berechnung der Talente gebrauchen. Aber auf diesem Wege kann unsreNation nie zu der Größe gelangen, welche die Natur für sie allein zu bestimmenschien, als sie den allmählich ausartenden Bürgern der griechischen und rö-mischen Städte den Meißel und Pinsel in die Hand gab. (Justus Moser, Patrio-tische Phantasien, 1774.)

ROHEIT DER PARTEIMORAL

Jeder, der heutiger Zeit in politischen Kämpfen gestanden hat, wird die Wahr-nehmung gemacht haben, daß Parteimänner, über deren Wohlerzogenheitund Rechtlichkeit im Privatleben nie Zweifel aufgekommen sind, sobald sie inKämpfe der Art geraten, sich von den Regeln des Ehrgefühls und derSchicklichkeit, deren Autorität sie sonst anerkennen, für entbunden haltenund aus einer karikierenden Übertreibung des Satzes salus publica supremalex die Rechtfertigung für Gemeinheiten und Roheiten in Sprache und Hand-lungen ableiten, durch die sie sich außerhalb der politischen und religiösenStreitigkeiten selbst angewidert fühlen würden. Diese Lossagung von allem,was schicklich und ehrlich ist, hängt undeutlich mit dem Gefühl zusammen,daß man im Interesse der Partei, das man dem des Vaterlandes unterschiebt,mit anderm Maße zu messen habe, als im Privatleben, und daß die Gebote derEhre und Erziehung in Parteikämpfen anders und loser auszulegen seien, alsselbst im Kriegsgebrauch gegen ausländische Feinde. Die Reizbarkeit, diezur Überschreitung der sonst üblichen Formen und Grenzen führt, wird un-bewußt dadurch verschärft, daß in der Politik und in der Religion keiner demAndersgläubigen die Richtigkeit der eigenen Überzeugung, des eignen Glau-bens schlüssig nachweisen kann, und daß kein Gerichtshof vorhanden ist,der die Meinungsverschiedenheiten durch Erkenntnis zur Ruhe verweisenkönnte.

In der Politik wie auf dem Gebiete des religiösen Glaubens kann der Konser-vative dem Liberalen, der Royalist dem Republikaner, der Gläubige dem Un-gläubigen niemals ein andres Argument entgegenhalten, als das in tausendVariationen der Beredsamkeit breitgetretene Thema: meine politischen Über-zeugungen sind richtig und die deinigen falsch, mein Glaube ist Gott wohl-gefällig, dein Unglaube führt zur Verdammnis. Es ist daher erklärlich, daßaus kirchlichen Meinungsverschiedenheiten Religionskriege entstehn unddurch politische Parteikämpfe, solange nicht ihre Erledigung durch Bürger-krieg stattfindet, doch ein Umsturz der Schranken herbeigeführt wird, diedurch Anstand und Ehrgefühl wohlerzogner Leute im außerpolitischen Lebens-verkehr aufrecht erhalten werden. Welcher gebildete und wohlerzogeneDeutsche würde versuchen, im gewöhnlichen Verkehr auch nur einen ge-ringen Teil der Grobheiten und Bosheiten zur Verwendung zu bringen, die ernicht ansteht, von der Rednertribüne vor hundert Zeugen seinem bürgerlichgleich achtbaren Gegner in einer schreienden, in keiner anständigen Gesell-schaft üblichen Tonart ins Gesicht zu werfen? Wer würde es außerhalb despolitischen Parteitreibens mit der von ihm selbst beanspruchten Stellungeines Edelmannes von gutem Hause verträglich halten, sich in den Gesell-

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