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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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nahe ihre höchste Steigerung zur Menschlichkeit. Umgekehrt wirkt an densogenannten Gebildeten, den Gläubigen dermodernen Ideen", vielleicht nichtsso ekelerregend, als ihr Mangel an Scham, ihre bequeme Frechheit des Augesund der Hand, mit der von ihnen an alles gerührt, geleckt, getastet wird; und esist möglich, daß sich heute im Volke, im niedern Volke, namentlich unterBauern, immer noch mehr relative Vornehmheit des Geschmacks und Taktder Ehrfurcht vorfindet, als bei der zeitunglesenden Halbwelt des Geistes, denGebildeten. (Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, 1885/1886.)

HELDISCHE FEHDE UND MODERNER MASSENKRIEG

Die Zeiten des Faustrechts in Deutschland scheinen mir allemal diejenigen ge-wesen zu sein, worin unsre Nation das größte Gefühl der Ehre, die mehrstekörperliche Tugend und eine eigne Nationalgröße gezeigt hat. Die feigen Ge-schichtsschreiber hinter den Klostermauern und die bequemen Gelehrten inSchlafmützen mögen sie noch so sehr verachten und verschreien, so muß dochjeder Kenner das Faustrecht des 12. und 13. Jahrhunderts als ein Kunstwerkdes höchsten Stils bewundern, und unsre Nation, die anfangs keine Städteduldete und hernach das bürgerliche Leben mit eben dem Auge ansah, womitwir jetzt ein flämisches Stilleben betrachten, die folglich auch keine großenWerke der bildenden Künste hervorbringen konnte, und solche vielleicht vonihrer Höhe als kleine Fertigkeiten der Handwerker bewunderte, sollte billigdiese große Periode studieren und das Genie und den Geist kennenlernen,welcher nicht in Stein und Marmor, sondern am Menschen selbst arbeitete undsowohl seine Empfindungen als seine Stärke auf eine Art veredelte, wovon wiruns jetzt kaum Begriffe machen können. Die einzelnen Räubereien, welchezufälligerweise dabei unterliefen, sind nichts in Vergleichung der Verwüstungen,so unsre heutigen Kriege anrichten. Die Sorgfalt, womit jene von den Schriftstel-lern bemerkt sind, zeugt von ihrer Seltenheit, und die gewöhnliche Beschul-digung, daß in den Zeiten des Faustrechts alle andren Rechte verletzt undverdunkelt wurden, ist sicher falsch, wenigstens noch zur Zeit unerwiesen undeine Ausflucht einander nachschreibender Gelehrten, welche die Privatrechte derdamaligen Zeit nicht aufspüren wollen. Es werden jetzt in einem Feldzugemehrere Menschen unglücklich gemacht, als damals in einem ganzen Jahr-hundert. Die Menge der Übel macht, daß der hevitige Geschichtschreiber ihrernicht einmal gedenkt, und das Kriegsrecht der jetzigen Zeit bestehet in demWillen des Stärksten. Unsre ganze Kriegsverfassung läßt keiner persönlichenTapferkeit Raum; es sind geschleuderte Massen ohne Seele, welche das Schick-sal der Völker entscheiden, und der ungeschickteste Mensch, welcher nur seineStelle wohl ausfüllt, hat eben den Anteil am Siege, welchen der edelste Mutdaran haben kann. Eine einförmige Übung und ein einziger allgemeiner Cha-rakter bezeichnet das Heer, und Homer selbst würde nicht imstande seindrei Personen daraus in ihrem eignen Charakter handeln oder streiten zu,lassen.

Eine solche Verfassung muß, wie sie auch wirklich tut, wenig jugendlicheÜbung erfordern, nicht den geringsten Wetteifer reizen und die Fußmaße zur

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