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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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gefühlvollen reinen Menschheit sah. Außer mir, kniet ich neben ihm, drücktemeine Seele an seine Brust und betete Gott an. (Äußerung Wielands, 1776.)

STEFFENS BEI TIECK

Tieck war von meinem Alter, und also achtundzwanzig Jahre. Schlank ge-baut, schön, mit Augen, deren geistige Gewalt und wunderbare Klarheitselbst das Alter bis jetzt nicht zu besiegen vermochte. In allen seinen Be-wegungen herrschte eine große Anmut, ja Zierlichkeit; seine Sprache entsprachseiner körperlichen Erscheinung völlig. Er schreibt kaum schöner als erspricht. Es ist nicht allein die große Klarheit, mit welcher er die Gegenständebehandelt, die uns hinreißt, es ist auch die Anmut und klangvolle Rundungder Sprache, die eine unwiderstehliche Gewalt ausübt. Es gibt nicht leicht einePersönlichkeit, die mächtiger wäre, als seine. Ich habe ihn kaum jemalsheftig gesehen. Seine Gespräche faßten den Gegenstand mit ruhiger Objek-tivität auf, behandelten ihn umsichtig und doch mit einem zurückhaltendenEnthusiasmus, durch welchen die Darstellung selbst eine innere Wärme er-hielt, die mehr aus dem Gegenstande, aus seiner lebendigen, geistigen Be-deutung, als aus ihm zu entspringen schien. Er selbst hat mir erzählt, daß,wenn er in höheren Kreisen das geistig und dichterisch Bedeutendste mit vor-nehmer Geringschätzigkeit behandeln sah, wenn man besonders das Vorzüg-lichste, wodurch Goethe sich auszeichnete, verächtlich besprach, er sich wohlplötzlich wie verwandelt fühlte. Ein innerer heftiger Ingrimm ergriff ihn, daßer erblaßte; aber er schwieg, wo ich, wie ich es gestehen muß, unbesonnen michgeäußert haben würde. Ich habe seine erklärtesten Feinde ihm gegenüber ge-sehen, jedesmal von seiner siegreichen Persönlichkeit überwunden; ja ichdarf behaupten, daß diese, so leicht zugänglich, sich so liebenswürdig hin-gebend, ebenso großen Einfluß auf die Zeit ausgeübt hat, wie seine Schriften.Was er mir geworden ist, kann ich nach einer innigen verwandtschaftlichenVerbindung, in einer langen Reihe von Jahren, unter den verschiedenstenVerhältnissen, selbst nachdem wir über das Wichtigste verschieden dachten,und uns entfernt fühlten, kaum auf eine klare Weise darstellen. Wenn er überGegenstände, mit denen er vertraut war, wenn er über Dichter, die er verehrte,wie Goethe, Shakespeare, wohl auch über Holberg, sprach, so teilte er alleseine Ideen unbefangen und freigebig mit.

Viel jüngere Dichter sind durch die Spolien seiner Gespräche bereichert undhaben ihn nie genannt; ja viele haben sich ihm feindlich gegenübergestellt,und wenn ihre Angriffe eine leise Ahnung von Geist enthielten, so entsprangdiese aus dem geraubten Schatze, den sie freilich nicht in seinem Reichtumzu benutzen verstanden.

Als die Krankheit ihm noch nicht die volle Beweglichkeit seines Körpers ge-raubt hatte, war seine wechselnde und reiche Mimik ebenso bewunderungs-würdig wie die Vielwendigkeit seiner Sprache. Er würde, wenn er aufgetretenwäre, der größte Schauspieler seiner Zeit gewesen sein; und selbst jetzt, inseinem hohen Alter, wenn er von Gicht gelähmt auf dem Stuhle sitzt, wenner mit der in ganz Europa bekanntgewordenen Virtuosität ein Drama vor-

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