Was jener, in einem höheren Stande geboren, an zeitlichen Mitteln mehr be-gabt, durch Reisen, Ämter, Weltumsicht mehr begünstigt, in einem weiterenKreise, zu einer ernsteren Zeit, in dem meerumflossenen England leistete,eben dieses bewirkte unser Freund von einem anfangs sehr beschränktenPunkt aus durch eine beharrliche Tätigkeit, durch ein stetiges Wirken in seinemüberall von Land und Bergen umgrenzten Vaterlande, und das Resultat davonwar, damit wir uns bei unserem gedrängten Vortrage eines kurzen, aber all-gemein verständlichen Wortes bedienen, jene Popularphilosophie, wodurchein praktisch geübter Sinn zum Urteil über den moralischen Wert der Dinge,sowie über ihren ästhetischen, zum Richter bestellt wird.Diese, in England vorbereitet und auch in Deutschland durch Umstände ge-fordert, ward also durch dichterische und gelehrte Werke, ja durchs Lebenselbst von unserm Freunde, in Gesellschaft von unzähligen Wohlgesinnten,verbreitet.
Haben wir jedoch, insofern von Ansicht, Gesinnung, Übersicht die Rede seinkann, Shaftesbury und Wieland vollkommen ähnlich gefunden, so war dochdieser jenem an Talent weit überlegen: denn was der Engländer verständiglehrt und wünscht, das weiß der Deutsche in Versen und Prosa dichterischund rednerisch auszuführen.
Zu dieser Ausführung aber mußte ihm die französische Behandlungsweise ammeisten zusagen. Heiterkeit, Witz, Geist, Eleganz ist in Frankreich schonvorhanden; seine blühende Einbildungskraft, welche sich jetzt nur mit leichtenund frohen Gegenständen beschäftigen will, wendet sich nach den Feen- undRittermärchen, welche ihm die größte Freiheit gewähren. Auch hier reichtihm Frankreich in der Tausend und Einen Nacht, in der Romanbibliothekschon halb verarbeitete zugerichtete Stoffe, indessen die alten Schätze diesesFachs, welche Deutschland besitzt, noch roh und ungenießbar dalagen.Gerade diese Gedichte sind es, welche Wielands Ruhm am meisten verbreitetenund bestätigten. Ihre Munterkeit fand bei jedermann Eingang, und selbst dieernsteren Deutschen ließen sie sich gefallen: denn alle diese Werke tratenwirklich zur rechten und günstigen Zeit hervor. Sie waren alle in dem Sinnegeschrieben, den wir oben entwickelt haben. Oft unternahm der glücklicheDichter das Kunststück, ganz gleichgültigen Stoffen durch die Bearbeitungeinen hohen Wert zu geben, und wenn es nicht zu leugnen ist, daß er bald denVerstand über die höheren Kräfte, bald die Sinnlichkeit über die sittlichentriumphieren läßt, so muß man doch auch gestehn, daß am rechten Ort alles,was schöne Seelen nur zieren mag, die Oberhand behalte. (Goethe, Zu brüder-lichem Andenken Wielands, 1813.)
LOBREDE AUF GOETHE
Ich lebe nun neun Wochen mit Goethen und lebe seit unserer Seelenvereini-gung, die unvermerkt und ohne allen effort nach und nach zustande gekommen,ganz in ihm. Er ist in allen Betrachtungen und von allen Seiten das größte,beste, herrlichste menschliche Wesen, das Gott erschaffen hat. Heute wareine Stunde, wo ich ihn erst in seiner ganzen Herrlichkeit — der ganzen schönen
79