aber er verzehrt sich nicht in eitlen Klagen, deren wir in Prosa und Versenvon andern so viele kennen, sondern er entschließt sich zur Gegenwirkung.Er kündigt allem, was sich in der Wirklichkeit nicht immer nachweisen läßtden Krieg an, zuvörderst also der platonischen Liebe, sodann aller dogmati-sierenden Philosophie, besonders bei den beiden Extremen, der stoischen undPythagoreischen. Unversöhnlich arbeitet er ferner dem religiösen Fanatismusund allem, was dem Verstände exzentrisch erscheint, entgegen.Aber sogleich überfällt ihn die Sorge, er möge zu weit gehn, er möge selbstphantastisch handeln; und nun beginnt er zugleich einen Kampf gegen diegemeine Wirklichkeit. Er lehnt sich auf gegen alles, was wir unter dem WortPhilisterei zu begreifen gewohnt sind, gegen stockende Pedanterei, klein-städtisches Wesen, kümmerliche äußere Sitte, beschränkte Kritik, falscheSprödigkeit, platte Behaglichkeit, anmaßliche Würde und wie diese Ungeister,deren Name Legion ist, nur alle zu bezeichnen sein mögen.Hierbei verfährt er durchaus genialisch, ohne Vorsatz und Selbstbewußtsein.Er findet sich in der Klemme zwischen dem Denkbaren und dem Wirklichen,und indem er beide zu gewältigen oder zu verbinden Mäßigung anraten muß,so muß er selbst an sich halten und, indem er gerecht sein will, vielseitigwerden.
Die verständige reine Rechtlichkeit edler Engländer und ihre Wirkung in dersittlichen Welt, eines Addison, eines Steele, hatten ihn schon längst angezogen;nun findet er aber in dieser Genossenschaft einen Mann, dessen Sinnesart ihmweit gemäßer ist.
Shaftesbury, den ich nur zu nennen brauche, um jedem Gebildeten einentrefflichen Denker ins Gedächtnis zu rufen, Shaftesbury lebte zu einer Zeit,wo in der Religion seines Vaterlandes manche Bewegung vorging, wo die herr-schende Kirche mit Gewalt die Andersgesinnten zu bezähmen dachte. Auchden Staat, die Sitten bedrohte manches, was einen Verständigen, Wohldenken-den in Sorge setzen muß. Gegen alles dieses, glaubte er, sei am besten durchFrohsinn zu wirken; nur das, was man mit Heiterkeit ansehe, werde man rechtsehn, war seine Meinung. Wer mit Heiterkeit in seinen eigenen Busen schauenkönne, müsse ein guter Mann sein. Darauf komme alles an, und alles übrigeGute entspringe daher. Geist, Witz, Humor seien die echten Organe, womitein solches Gemüt die Welt anfasse. Alle Gegenstände, selbst die ernstesten,müßten eine solche Klarheit und Freiheit vertragen, wenn sie nicht mit einernur anmaßlichen Würde prunkten, sondern einen echten, die Probe nichtscheuenden Wert in sich selbst enthielten. Bei diesem geistreichen Versuch,die Gegenstände zu gewältigen, konnte man nicht umhin, sich nach entschei-denden Behörden umzusehn, und so ward einerseits der Menschenverstandüber den Inhalt und der Geschmack über die Art des Vortrags zum Richtergesetzt.
An einem solchen Manne fand nun unser Wieland nicht einen Vorgänger,dem er folgen, nicht einen Genossen, mit dem er arbeiten sollte, sondern einenwahrhaften älteren Zwillingsbruder im Geiste, dem er vollkommen glich,ohne nach ihm gebildet zu sein; wie man denn von Menächmen nicht sagenkönnte, welcher das Original und welcher die Kopie sei.
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