Druckschrift 
4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
Seite
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Weib, Kinder und Freunde lebhaft wiederzusehen und zu umarmen; so istmir jetzt, da ich auf Winckelmanns Schriften durchs Altertum zurück- undabfahrend auf dem Brette des Meeres die zurückfliehenden Eindrücke sammle.Wo bist du hin, Kindheit der alten Welt, geliebte süße Einfalt in Bildern,Werken und Worten? Wo bist du, geliebtes Griechenland, voll schöner Götter-und Jugendgestalten, voll Wahrheit im Trug und Trug voll süßer Wahrheit? Deine Zeit ist dahin und der Traum unseres Andenkens, unsre Geschichten,Untersuchungen und guten Wünsche werden dich nicht wieder erwecken,der Fuß des Reisenden dich nicht erwecken, der auf dich tritt und deine Scher-ben sammelt. Das Rad der Zeiten, auf das wir geflochten sind, dreht sich ge-waltsam und wie im zerstörenden, reißenden Strudel. Die zusammengeflosse-nen Reichtümer des alten Roms zerstörten Barbaren, und aus der Herrlich-keit Alexandriens tränkt jetzt der Araber die Pferde. Reisen und Geschichtedieser Länder sind Prediger von der Eitelkeit der Welt, und so, lieber Winckel-mann, ist, wie deine Geschichte, auch dein Leben. Du durchdarbtest in Deutsch-land den schönsteh besten Teil deines Frühlings, um in Italien einige Tageschönen Herbstes zu genießen: da zaubertest du dich liebevoll ins alte Grie-chenland, in schöne, aber verlebte Zeiten, liehest dem toten Marmor, der sichin deiner Brust beseelte, deine Ideen von Heldenruhm, Schönheit und Liebeund pflücktest von ihrem erstarrten Busen die Blume des Ruhms und desGenusses im Leben. Du strecktest deinen Arm in die Ferne, um Freundschaftzu finden, griechische Freundschaft, die du dir wünschtest. Da kam der Todund faßte und umschlang dich mit eisernem Arm, und der Traum deinesLebens sank dahin und lag zerschlagen, wie die Bildsäule eines Apollo-Musa-getes von der Hand des Barbaren. (Herder, Denkmal Johann Winckelmanns,I777-)

HAMANNS BILD

Im Auge ist gediegner Lichtstrahl. Was es sieht, siehts durch, ohne mühsameMeditation und Ideenreihung. Ist es dir nicht beim Blicke und Bug des Augen-brauns, als ob es seitwärts oder von unten her schaue und sich seinen eigenenAnblick gäbe? Ists nicht, als kreuzten sich seine Strahlen, oder der Brenn-punkt liege tief hin? Kann ein Blick mehr tiefer Seherblick sein, Propheten-blick zur Zermalmung mit dem Blitze des Witzes? Siehe, wie das abstehende,fast bewegliche Ohr horchet! Die Wange, wie einfach ruhig, gedrängt, ge-schlossen I Nichts Spitzes, nichts Hervorfühlendes ist in der Nase. Nichts vondem feinen müßigen Scharfsinn, der in Subtilität und fremdem Geschäftewühlet. Was sie aber anweht, nahe, stark wehts sie an; siehest du nicht inihr den gehaltenen, regen Atem, zu dem sie gebildet ist? Und im Munde!Wie kann ich aussprechen die Vielbedeutsamkeit dieses Mundes, der sprichtund innehält im Sprechen, spräche Areopagiten Urteil, Weisheit, Licht undDunkel, diese Mittellinie des Mundes? Noch hab ich keinen Menschen gesehenmit diesem schweigenden und sprechenden, weisen und sanften, treffenden,spottenden und edeln Munde. Mir ist, ihm schweben die Worte auf derLippe:den einen Teil verbrennet er mit Feuer, mit dem andern bratet er dasFleisch, daß er Gebratenes esse und satt werde. Er wärmet sich, daß er spricht:

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