Statt aller Empfindungen galt ihnen die Freundschaft unter Personen männ-lichen Geschlechts, obgleich auch Chloris und Thyia noch im Hades als Freun-dinnen unzertrennlich sind.
Die leidenschaftliche Erfüllung liebevoller Pflichten, die Wonne der Unzer-trennlichkeit, die Hingebung eines für den andern, die ausgesprochene Bestim-mung für das ganze Leben, die notwendige Begleitung in den Tod setzen unsbei Verbindung zweier Jünglinge in Erstaunen, ja man fühlt sich beschämt,wenn uns Dichter, Geschichtschreiber, Philosophen, Redner mit Fabeln, Er-eignissen, Gefühlen, Gesinnungen solchen Inhaltes und Gehaltes überhäufen.Zu einer Freundschaft dieser Art fühlte Winckelmann sich geboren, derselbennicht allein sich fähig, sondern auch im höchsten Grade bedürftig, er empfandsein eigenes Selbst nur unter der Form der Freundschaft, er erkannte sich nurunter dem Bilde des durch einen Dritten zu vollendenden Ganzen. Frühe schonlegte er dieser Idee einen vielleicht unwürdigen Gegenstand unter, er widmetesich ihm, für ihn zu leben und zu leiden, für denselben fand er selbst in seinerArmut Mittel, reich zu sein, zu geben, aufzuopfern, ja er zweifelt nicht, seinDasein, sein Leben zu verpfänden. Hier ist es, wo sich Winckelmann, selbstmitten in Druck und Not groß, reich, freigebig und glücklich fühlt, weil erdem etwas leisten kann, den er über alles liebt, ja dem er sogar, als höchsteAufopferung, Undankbarkeit zu verzeihen hat.
Wie auch die Zeiten und Zustände wechseln, so bildet Winckelmann alles Wür-dige, was ihm naht, nach dieser Urform zu seinem Freund um, und wenn ihmgleich manches von diesen Gebilden leicht und bald vorüber schwindet; soerwirbt ihm doch diese schöne Gesinnung das Herz manches Trefflichen,und er hat das Glück, mit den Besten seines Zeitalters und Kreises in dem schön-sten Verhältnisse zu stehen.
Wenn aber jenes tiefe Freundschaftsbedürfnis sich eigentlich seinen Gegen-stand erschafft und ausbildet; so würde dem altertümlich Gesinnten dadurchnur ein einseitiges, ein sittliches Wohl zuwachsen, die äußere Welt würde ihmwenig leisten, wenn nicht ein verwandtes, gleiches Bedürfnis und ein befrie-digender Gegenstand desselben glücklich hervorträte, wir meinen die Forde-rung des sinnlich Schönen und das sinnliche Schöne selbst; denn das letzteProdukt der sich immer steigernden Natur ist der schöne Mensch. Zwar kannsie ihn nur selten hervorbringen, weil ihren Ideen gar viele Bedingungenwiderstreben, und selbst ihrer Allmacht ist es unmöglich, lange im Vollkomm-nen zu verweilen und dem hervorgebrachten Schönen eine Dauer zu geben.Denn genau genommen kann man sagen, es sei nur ein Augenblick, in welchemder schöne Mensch schön sei. Dagegen tritt nun die Kunst ein; denn, indemder Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder alseine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat.Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugen-den durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft, und sichendlich bis zur Produktion des Kunstwerkes erhebt, das neben seinen übrigenTaten und Werken einen glänzenden Platz einnimmt. Ist es einmal hervor-gebracht, steht es in seiner idealen Wirklichkeit vor der Welt, so bringt es einedauernde Wirkung, es bringt die höchste hervor: denn, indem es aus den ge-
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