weil sie irrig wähnen, in Gesamtheit wirken zu können. Antonius undKleopatra spricht mit tausend Zungen, daß Genuß und Tat unverträglich sei.Und so würde man bei weiterer Untersuchung ihn noch öfter zu bewundernhaben. (Goethe, Shakespeare und kein Ende, 1813/1816.)
LOB KLOPSTOCKS
Alle diese Stücke, kleinere und größere, die in der jetzigen Ausgabe korrekt,rein und schön dastehn, sind lyrische Gedichte, das ist Gesang. Also erhebeman die Stimme und lese sie vor, auch wenn man sie sich selbst lieset. So hebensie sich vom Blatt und werden nicht nur verständlich, sondern lebendig, imTanze der Silben eine Gedankengestalt, sich schwingend auf und nieder; inden meisten Fällen aber, vom einfachen Laut an bis zur vollesten Modulation,werden sie ein sich vollendender Ausdruck der Empfindung. Das Auge sollnicht stumm lesen; sondern was Laut des Herzens ist, soll Laut werden. Klop-stocks Muse als Harfenspielerin und Sängerin Siona oder als WeissagerinTeutone ist Rednerin ans Herz, die von jedem Bilde der Empfindung gleichsamnur den Seelenlaut nimmt und ihn dem Ohr bald zulispelt, bald zutönet. Umdieser Kunst innezuwerden, lese man die Oden, in denen Klopstock sie selbst
entwickelt hat.-------Wem bei diesen Nachweisungen Ohr und Seele sich nicht
auftut, zu hören, was geschrieben ist, nicht es mit stummem Auge zu lesen,der lege das Buch weg und sage, es sei unverständlich. Wenn aber, wie Horazmeint, die Muse stummen Fischen sogar Sprache verleihen kann, sollte einmelodisches Vorlesen dieser Gedichte jedem nicht ganz tauben oder verbildetenOhre, ohne Kommentar, durch bloße Biegung der Stimme, nicht auch Ver-stand dieser Gedichte mitteilen? Kaum hat unsre Sprache ein Buch, in demso viel lebendiger Laut und Wohllaut in melodischer Bewegung so leichtund harmonienreich tönet, wie in diesem. Für Schulen ist es ein wahres Odeumder verschiedensten Gesang- und Ausdrucksaften, Stimme und Vortrag aufsunterscheidendste zu bilden. Wie Alcibiades zu Athen in jeder Schule einenHomer verlangte: so sei in Deutschland keine Schule ohne Übung der Stimmean Klopstock. Der Dichter konnte sich mit Recht das Lob geben:Die Erhebung der Sprache,
Ihr gewählterer Schall,
Bewegterer, edlerer Gang,
Darstellung, die innerste Kraft der DichtkunstHaben mein Mal errichtet.(Herder, In den Erfurter Nachrichten, 1798.)
PREISGESPRÄCH AUF BACH
Zelter: Bachs Stücke sind teils Vokal — teils Instrumental oder beides zu-sammen. In den Singstücken kommt oft anderes heraus als die Worte sagen,und er ist genug darüber getadelt worden; auch ist er nicht streng in Be-obachtung der harmonischen und melodischen Regeln, die er sich mit größterKeckheit Untertan macht. Wenn nun aber biblische Texte zu Chören ver-arbeitet werden:
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