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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
Seite
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erfahren, was im Innern vorgeht, und hier scheinen alle Mitspielenden sichverabredet zu haben, uns über nichts im dunkeln, im Zweifel zu lassen. Dazukonspirieren Helden und Kriegsknechte, Herren und Sklaven, Könige undBoten, ja die untergeordneten Figuren wirken hier oft tätiger als die Haupt-gestalten. Alles, was bei einer großen Weltbegebenheit heimlich durch dieLüfte säuselt, was in Momenten ungeheurer Ereignisse sich in dem Herzen derMenschen verbirgt, wird ausgesprochen; was ein Gemüt ängstlich verschließtund versteckt, wird hier frei und flüssig an den Tag gefördert; wir erfahrendie Wahrheit des Lebens und wissen nicht wie.

Shakespeare gesellt sich zum Weltgeist; er durchdringt die Welt wie jener;beiden ist nichts verborgen. Aber wenn des Weltgeists Geschäft ist, Geheim-nisse vor, ja oft nach der Tat zu bewahren, so ist es der Sinn des Dichters,das Geheimnis zu verschwätzen und uns vor oder doch gewiß in der Tat zuVertrauten zu machen. Der lasterhafte Mächtige, der wohldenkende Be-schränkte, der leidenschaftlich Hingerissene, der ruhig Betrachtende, alletragen ihr Herz in der Hand, oft gegen alle Wahrscheinlichkeit; jedermannist redsam und redselig. Genug, das Geheimnis muß heraus, und sollten es dieSteine verkünden. Selbst das Unbelebte drängt sich hinzu, alles Untergeordnetespricht mit, die Elemente, Himmel-, Erd- und Meerphänomene, Donner undBlitz, wilde Tiere erheben ihre Stimme, oft scheinbar als Gleichnis, aber einwie das andre Mal mithandelnd.

Aber auch die zivilisierte Welt muß ihre Schätze hergeben; Künste und Wissen-schaften, Handwerke und Gewerbe, alles reicht seine Gaben dar. ShakespearesDichtungen sind ein großer belebter Jahrmarkt, und diesen Reichtum hat erseinem Vaterlande zu danken.

Überall ist England, das meerumflossene, von Nebel und Wolken umzogene,nach allen Weltgegenden tätige. Der Dichter lebt zur würdigen und wichtigenZeit und stellt ihre Bildung, ja Verbildung mit großer Heiterkeit uns dar, jaer würde nicht so sehr auf uns wirken, wenn er sich nicht seiner lebendigenZeit gleichgestellt hätte. Niemand hat das materielle Kostüm mehr verachtetals er; er kennt recht gut das innere Menschenkostüm, und hier gleichen sichalle. Man sagt, er habe die Römer fürtrefflich dargestellt; ich finde es nicht;es sind lauter eingefleischte Engländer, aber freilich Menschen sind es, Menschenvon Grund aus, und denen paßt wohl auch die römische Toga. Hat man sicheinmal hierauf eingerichtet, so findet man seine Anachronismen höchstlobenswürdig, und gerade daß er gegen das äußere Kostüm verstößt, das istes, was seine Werke so lebendig macht.

Und so sei es genug an diesen wenigen Worten, wodurch ShakespearesVerdienst keineswegs erschöpft ist. Seine Freunde und Verehrer werdennoch manches hinzuzusetzen haben. Doch stehe noch eine Bemerkunghier: schwerlich wird man einen Dichter finden, dessen einzelnen Werkenjedesmal ein anderer Begriff zugrunde liegt und im Ganzen wirksam ist,wie an den seinigen sich nachweisen läßt. So geht durch den ganzenCoriolan der Ärger durch, daß die Volksmasse den Vorzug der Besserennicht anerkennen will. Im Cäsar bezieht sich alles auf den Begriff,daß die Bessern den obersten Platz nicht wollen eingenommen sehen,

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