Napoleon, seit einem Jahrhundert der Rausch aller tatarmen Phantasiesüch-tigen, der Trumpf aller Aufgeklärten gegen jede Legitimität, rückt in seinenalten Besitz. Er nimmt wieder die Umrisse der überweltlichen Gestalt an,in denen er zwei Jahrzehnte der gestaltlosen Welt gegenüberstand. Seinkleinstes Werk ist, daß er Österreich aus Italien fegte, Deutschland um undum warf, Spanien mit Hannover in ein Reich zusammenschmiedete. Dassind „Taten": Ausstrahlungen, Erscheinungsformen des einen einheitlichenWerkes, um dessenwillen und durch das allein er Schöpfer und Genius ist.Sein Werk ist: Weltbildung, Herstellung von Körper aus ungeordnetem Roh-stoff, Aufrichtung des seit zwei Jahrtausenden verloren gegangenen öku-menischen Gebildes. Man verwechsle nicht: das ökumenische sind nicht sound so weit abgesteckte Grenzen, die eine Welt schlucken und in sich ertränkenwollen, nicht eine äußere unantastbare Herrschaft, der so lange noch die Voll-kommenheit fehlt, als nicht Baffinsland und die Delagoabay mit dazu gehören.Sein Werk, von dem die äußeren Expansionen nur Betätigungen, Anwen-dungen sind, ist die Bereitung des Reiches in allem Reich-losen, die Errich-tung des Staates in allem Unstaatlichen, und da der wahre Staat nur dar-gestellte Welt ist, die Wiedererweckung, Neuschöpfung der Welt in dem Ten-denzenknäuel, in das sie schon damals auszuarten begonnen hatte. Darumbegegnen wir ihm aus dem dampfenden Blut der Bürgerkriege kommend, dieFirne überfliegend, die Steppen durchsausend, überall hinfahrend: ein Dämon,immer auf der Suche nach Bildungsfähigem, wo Stoffe brachliegen, in der Zer-setzung verkümmern oder als zerfallener Staub schon ganze Vernichtungscheinen. Er blies zusammen, ballte zusammen, machte Welt: das war seinAmt. „Seine Gier nach Land und Kronen war unersättlich." Das heißt über-setzt: die ganze Welt hatte seit mindestens einem Jahrhundert die jedemGenius verehrungswürdigen Rechte der Gestalt verloren und war in die Gat-tung „Stoff" zurückgetreten, der gegenüber der Genius nur den einen Triebhat: Formung. Darum gab es für das zerstückelte Deutschland, für das flicken-hafte Italien ebensowenig Gnade, wie für das Massiv Rußland. Mochten dieBürger und ihre mehr als bürgerlichen Häupter, mögen die Bürger-Historikervon heute über die Verletzung der Herde und Heimaten, der angestammtenHerrscherhäuser schreien. In Wahrheit verletzte er nichts; denn er fand nichtszu verletzen. Er sah nichts Geordnetes, Körperhaftes, demgegenüber seinAnpacken Einbruch, Gewalt gewesen wäre, er sah nur Stoff, Materie, an dermanchmal noch Fetzen einer früheren Form klebten — nicht anders als dieBaumeister der Renaissance sie an antiken Baublöcken fanden —: die schob,die ballte er zusammen, wie sie — wie jeder Stoff es vom welthaltigen, dembildnerischen Genius verlangt. Daß hier nichts verletzt wurde, nichts zu ver-letzen war, dafür ist Maßstab und Richter nur er, der selber runde Welt warund berufen war und nicht anders konnte, als runde Welt zu machen. Oderseit wann bemißt man den Meister und sein Tun an den „unverletzlichenRechten" des Stoffes? Seit wann darf der Stein schreien, wenn er vom Bosselgetroffen wird? Oder wenn er knirscht, wird er nicht um so ingrimmiger ge-
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