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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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eigentlich leben, das ist ja doch ewigl Seine Werke der Zukunft zu über-geben und zu erhalten, ist des großen Redners zweite, sich selbst im Ganzen,wenn auch namenlos, in der Begeisterung des Ganzen fortzusetzen, ist desRedners erste Rücksicht. (Adam Müller, Zwölf Reden über die Beredsamkeitund deren Verfall in Deutschland, 1812.)

DER BERUF DES DICHTERS

Der Dichter muß ganz sich, ganz seinen geliebten Gegenständen leben. Er,der vom Himmel innerlich auf das köstlichste begabt ist, der einen sich immerselbst vermehrenden Schatz im Busen bewahrt, er muß auch von außen un-gestört mit seinen Schätzen in der stillen Glückseligkeit leben, die ein Reichervergebens mit aufgehäuften Gütern um sich hervorzubringen sucht. Siehdie Menschen an, wie sie nach Glück und Vergnügen rennen! Ihre Wünsche,ihre Mühe, ihr Geld jagen rastlos, und wonach? Nach dem, was der Dichtervon der Natur erhalten hat, nach dem Genuß der Welt, nach dem Mitgefühlseiner selbst in anderen, nach einem harmonischen Zusammensein mit vielenoft unvereinbaren Dingen.

Was beunruhiget die Menschen, als daß sie ihre Begriffe nicht mit den Sachenverbinden können, daß der Genuß sich ihnen unter den Händen wegstiehlt,daß das Gewünschte zu spät kommt, und daß alles Erreichte und Erlangteauf ihr Herz nicht die Wirkung tut, welche die Begierde uns in der Ferneahnen läßt. Gleichsam wie einen Gott hat das Schicksal den Dichter über diesesalles hinübergesetzt. Er sieht das Gewirre der Leidenschaften, Familienund Reiche sich zwecklos bewegen, er sieht die unauflöslichen Rätsel derMißverständnisse, denen oft nur ein einsilbiges Wort zur Entwicklung fehlt,unsäglich verderbliche Verwirrungen verursachen. Er fühlt das Traurigeund das Freudige jedes Menschenschicksales mit. Wenn der Weltmenschin einer abzehrenden Melancholie über großen Verlust seine Tage hinschleicht,oder in ausgelassener Freude seinem Schicksal entgegengeht, so schreitet dieempfängliche, leichtbewegliche Seele des Dichters wie die wandelnde Sonnevon Nacht zu Tag fort, und mit leisen Übergängen stimmt seine Harfe zuFreude und Leid. Eingeboren auf dem Grund seines Herzens wächst die schöneBlume der Weisheit hervor, und wenn die anderen wachend träumen, und vonungeheueren Vorstellungen aus allen ihren Sinnen geängstiget werden, so lebter den Traum des Lebens als ein Wachender, und das Seltenste, was geschieht,ist ihm zugleich Vergangenheit und Zukunft. Und so ist der Dichter zugleichLehrer, Wahrsager, Freund der Götter und der Menschen. Wie! willst du,daß er zu einem kümmerlichen Gewerbe heruntersteige ? Er, der wie ein Vogelgebaut ist, um die Welt zu überschweben, auf hohen Gipfeln zu nisten undseine Nahrung von Knospen und Früchten, einen Zweig mit dem andern leichtverwechselnd, zu nehmen . . . ?

So haben die Dichter in Zeiten gelebt, wo das Ehrwürdige mehr erkannt ward,und so sollten sie immer leben. Genugsam in ihrem Innersten ausgestattet,bedurften sie wenig von außen; die Gabe, schöne Empfindungen, herrlicheBilder den Menschen in süßen, sich an jeden Gegenstand anschmiegenden

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