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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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Dichter vermag nichts ohne den Gott, wenn auch jener vielmehr als Heldund Streiter für die göttliche Sache, dieser, der Dichter, vielmehr als Priesterund Stellvertreter des Gottes erscheint, wie schon die Alten sehr richtig an-deuteten; und wenn die höhere Würde der Menschheit eigentlich in der Ver-bindung des Göttlichen und Menschlichen beruht, und gerade die Sprachegöttliches Siegel oder Kennzeichen aller menschlichen Taten ist, so steht derRedner vielmehr in der Region des Menschen und befangen in der Tat undherabziehend zu ihrer Hilfe und ihrem Gedeihen das Göttliche, der Dichterhingegen vielmehr in der Region des Gottes und lebend in der Sprache, im Wort,alles Trübe, Schwere und Verwirrte auflösend in die Klarheit seines Elementesund es, wie im Ion des Piaton so schön beschrieben wird, hinaufziehend in den

Kreis des Göttlichen.-------

Entweder wird der Geist des lebendigen Wortes geweckt; entweder Deutsch-land bekennt die unermeßliche Macht der Rede, die es schlummern läßt oderdie es doch vergräbt in die Einsamkeit der Bibliotheken; entweder die Jugenderkennt, daß die Frucht alles Denkens und Lernens lebendig auf den Lippenschweben müsse, daß man wohl dichten könne für die Welt, so wie die Weltfür uns, aber keiner reden könne für den andern: oder dies Geschlecht mögenur unter seinen Stilübungen, unter seinen poetischen und philosophischen

Phrasen vollends ersterben und verstummen.-------Vergiß nicht, möchte ich der

Jugend meines Vaterlandes zurufen, die große Lehre des Demosthenes: Was dudeiner Zeit etwa Großes oder Tüchtiges zu sagen hast, und es wird sie nichtstreffen, wenn du sie nicht wirklich und leibhaftig anredest, also, was duwirklich sagst und in Schriften niederlegst, liest nicht der trefflichste Zweiteso wieder, wie du es empfunden hast; er trifft seinen Ton nicht, er liest seinGemüt hinein, seine Zeit und die Umstände seines Orts. Du kannst ihm nichtbefehlen, wie er dich lesen soll, so wie es der Dichter kann. Also wirf die Federbeiseite, wo sie nicht hingehört; denke nicht früher an die Nachwelt, als bis dudie Gegenwart besorgt, schreibe nicht eher, bis du reden kannst, damit duzuletzt wenigstens Gesprochenes niederschreibst und nicht Gedanken, dieschon deine Seele geschrieben hat, statt zu denken, sprechend zu denken;totgebornes, kaltes Wesen, vor dem die besser empfindende, hoffentlich warm-blütigere Nachwelt zurückscheuen wird. Sieh, die reichen Saatfelder, diejene großen Redner bestellten, die üppige Frucht, welche sie gebaut, hat dieJahreszeit, hat die Gegenwart, haben die Zeitgenossen weggemäht; sie lebtin der Kraft ihres Volkes und in neuen Ernten fort. Sie haben die Ewigkeitbesorgt, indem sie des Augenblicks wahrnahmen; um die Spuren ihres großenGeistes zu kosten, halten wir ängstlich Nachlese auf den Feldern. Seine Werkeauf die Zukunft zu bringen, ist, wenn überhaupt eine Rücksicht des Redners,doch nur eine zweite Rücksicht: die Werke des Redners müssen eigentlichsterben, allmählich, wie der Samen in der Erde, sie werden unlesbar, ihreFarben erblassen; nur die Werke der Poesie haben ewiges Leben, nie ver-löschende Farben oder doch einen Balsam, ein Salz des Lebens in sich, welchessie erhält, solange die Völker leben, welche sie gesungen. Der Redner hat dieGegenwart, der Dichter die Zukunft; resigniere er auf die Zukunft, wie sieauf die Gegenwart Verzicht tut. Was ihnen beiden gemein ist, worin beide

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