Worten und Melodien mitzuteilen, bezauberte von jeher die Welt und warfür den Begabten ein reichliches Erbteil. An der Könige Höfen, an den Tischender Reichen, vor den Türen der Verliebten horchte man auf sie, indem sichdas Ohr und die Seele für alles andere verschloß, wie man sich selig preistund entzückt stille steht, wenn aus den Gebüschen, durch die man wandelt,die Stimme der Nachtigall gewaltig rührend hervordringt I Sie fanden einegastfreie Welt, und ihr niedrig scheinender Stand erhöhte sie nur desto mehr.Der Held lauschte ihren Gesängen, und der Überwinder der Welt huldigteeinem Dichter, weil er fühlte, daß ohne diesen sein ungeheures Dasein nur wieein Sturmwind vorüberfahren würde; der Liebende wünschte sein Verlangenund seinen Genuß so tausendfach und so harmonisch zu fühlen, als ihn diebeseelte Lippe zu schildern verstand, und selbst der Reiche konnte seine Be-sitztümer, seine Abgötter, nicht mit eigenen Augen so kostbar sehen, als sieihm vom Glanz des allen Wert fühlenden und erhöhenden Geistes beleuchteterschienen. Ja, wer hat, wenn du willst, Götter gebildet, uns zu ihnen erhoben,sie zu uns herniedergebracht, als der Dichter? (Goethe, Wilhelm MeistersLehrjahre, I79S-)
WOHLGERATENHEIT
Zu den höchsten und erlauchtesten Menschenfreuden, in denen das Daseinseine eigene Verklärung feiert, kommen, wie billig, nur die Allerseltenstenund Bestgeratenen: und auch diese nur, nachdem sie selber und ihre Vorfah-ren ein langes, vorbereitendes Leben auf dieses Ziel hin, und nicht einmalim Wissen um dieses Ziel, gelebt haben. Dann wohnt ein überströmenderReichtum vielfältigster Kräfte und zugleich die behendeste Macht eines„freien Wollens" und herrschaftlichen Verfügens in Einem Menschen liebreichbeieinander; der Geist ist dann ebenso in den Sinnen heimisch und zu Hause, wiedie Sinne in dem Geiste zu Hause und heimisch sind; und alles, was nur in diesemsich abspielt, muß auch in jenen ein feines außerordentliches Glück und Spielauslösen. Und ebenfalls umgekehrt! — man denke über diese Umkehrungbei Gelegenheit von Hafis nach; selbst Goethe, wie sehr auch schon im ab-geschwächten Bilde, gibt von diesem Vorgange eine Ahnung. Es ist wahr-scheinlich, daß bei solchen vollkommenen und wohlgeratenen Menschenzuletzt die allersinnlichsten Verrichtungen von einem Gleichnis-Rausche derhöchsten Geistigkeit verklärt werden; sie empfinden an sich eine Art Ver-göttlichung des Leibes und sind am entferntesten von der Asketen-Philo-sophie des Satzes „Gott ist ein Geist": wobei sich klar herausstellt, daß derAsket der „mißratene Mensch" ist, welcher nur ein Etwas an sich, und geradedas richtende und verurteilende Etwas, gut heißt — und „Gott* heißt. Vonjener Höhe der Freude, wo der Mensch sich selber und sich ganz und garals eine vergöttlichte Form und Selbst-Rechtfertigung der Natur fühlt, bis hinabzu der Freude gesunder Bauern und gesunder Halbmensch-Tiere: diese ganzelange ungeheure Licht- und Farbenleiter des Glücks nannte der Grieche,nicht ohne die dankbaren Schauder dessen, der in ein Geheimnis eingeweihtist, nicht ohne viele Vorsicht und fromme Schweigsamkeit — mit dem Götter-
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