Fülle, der Macht, die überströmen will, das Glück der hohen Spannung, dasBewußtsein eines Reichtums, der schenken und abgeben möchte: — auch dervornehme Mensch hilft dem Unglücklichen, aber nicht oder fast nicht ausMitleid, sondern mehr aus einem Drang, den der Überfluß von Macht erzeugt.Der vornehme Mensch ehrt in sich den Mächtigen, auch den, welcher Machtüber sich selbst hat, der zu reden und zu schweigen versteht, der mit LustStrenge und Härte gegen sich übt und Ehrerbietung vor allem Strengen undHarten hat. „Ein hartes Herz legte Wotan mir in die Brust", heißt es in eineralten skandinavischen Saga: so ist es aus der Seele eines stolzen Wikingersheraus mit Recht gedichtet. Eine solche Art Mensch ist eben stolz darauf,nicht zum Mitleiden gemacht zu sein: weshalb der Held der Saga warnendhinzufügt, „wer jung schon kein hartes Herz hat, dem wird es niemals hart".Was ist vornehm? Was bedeutet uns heute noch das Wort „vornehm"?Woran verrät sich, woran erkennt man, unter diesem schweren verhängtenHimmel der beginnenden Pöbelherrschaft, durch den alles undurchsichtigund bleiern wird, den vornehmen Menschen? — Es sind nicht die Handlungen,die ihn beweisen, — Handlungen sind immer vieldeutig, immer unergründlich —;es sind auch die „Werke" nicht. Man findet heute unter Künstlern und Ge-lehrten genug von solchen, welche durch ihre Werke verraten, wie eine tiefeBegierde nach dem Vornehmen hin sie treibt: aber gerade dies Bedürfnis nachdem Vornehmen ist von Grund aus verschieden von den Bedürfnissen der vor-nehmen Seele selbst und geradezu das beredte und gefährliche Merkmal ihresMangels. Es sind nicht die Werke, es ist der Glaube, der hier entscheidet,der hier die Rangordnung feststellt, um eine alte religiöse Formel in einemneuen und tiefern Verstände wieder aufzunehmen: irgendeine Grundgewißheit,welche eine vornehme Seele über sich selbst hat, etwas, das sich nicht suchen,nicht finden und vielleicht auch nicht verlieren läßt. — Die vornehmeSeele hat Ehrfurcht vor sich. — (Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse,1885/1886.)
AMT UND RAUM DES REDNERS
Der Redner ist befangen, verwickelt in diesen Verhältnissen, er will bestimmteWirkungen hervorbringen, er will eingreifen in den Gang der Dinge, weil ereiner bestimmten Zeit, einem bestimmten Ort angehört. Die Notwendigkeitund der Ernst bezeichnen das Geschlecht des Redners, Spiel und Freiheit dasdes Dichters. Das unendliche Gespräch aller der vielgestalteten Naturen imUmkreise dieses Lebens ist zwar der Gegenstand beider: der Redner so gut alsder Dichter vereinigt die drei Personen des Gesprächs, die beiden streitendenund die höhere friedenstiftende, nur daß er, der Redner, in dem Standpunkteeiner der beiden streitenden Parteien residiert und dahin immer wieder zurück-kehrt, während dem Dichter wie einem höheren Geist jene dritte heitre frieden-stiftende Stelle über aller Zwietracht dieser Erde zur Heimat angewiesenWorden, von wo er parteilos und gerecht zwar tief hinabsteigt in die Herzender Menschen, in ihre Feindseligkeit und ihren Schmerz, richtend, versöhnend,a ber immer zuletzt von jedem irdischen Anfluge reingebadet, sich wieder zuder ruhigen Klarheit seines Wohnsitzes erhebt. Der Redner so gut als der
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