den das Große zur Unsterblichkeit zu gehen hat. Dieser Weg aber führt durchmenschliche Gehirne I Durch die Gehirne geängstigter und kurzlebender Tiere,die immer wieder zu denselben Nöten auftauchen und mit Mühe eine geringeZeit das Verderben von sich abwehren. Denn sie wollen zunächst nur eines:leben um jeden Preis. Wer möchte bei ihnen jenen schwierigen Fackel-Wett-lauf der monumentalen Historie vermuten, durch den allein das Große weiter-lebt! Und doch erwachen immer wieder einige, die sich im Hinblick auf dasvergangne Große und gestärkt durch seine Betrachtung so beseligt fühlen,als ob das Menschenleben eine herrliche Sache sei, und als ob es gar die schönsteFrucht dieses bitteren Gewächses sei, zu wissen, daß früher einmal einer stolzund stark durch dieses Dasein gegangen ist, ein anderer mit Tiefsinn, ein drittermit Erbarmen und hilfreich — alle aber eine Lehre hinterlassend, daß der amschönsten lebt, der das Dasein nicht achtet. Wenn der gemeine Mensch dieseSpanne Zeit so trübsinnig ernst und begehrlich nimmt, wußten jene auf ihremWege zur Unsterblichkeit und zur monumentalen Historie es zu einem olym-pischen Lachen oder mindestens zu einem erhabenen Hohne zu bringen;oft stiegen sie mit Ironie in ihr Grab — denn was war an ihnen zu begraben!Doch nur das, was sie als Schlacke, Unrat, Eitelkeit, Tierheit immer bedrückthatte und was jetzt der Vergessenheit anheimfällt, nachdem es längst ihrerVerachtung preisgegeben war. Aber eines wird leben, das Monogramm ihreseigensten Wesens, ein Werk, eine Tat, eine seltene Erleuchtung, eine Schöpfung:es wird leben, weil keine Nachwelt es entbehren kann. In dieser verklärtestenForm ist der Ruhm doch etwas mehr als der köstlichste Bissen unserer Eigen-liebe, wie ihn Schopenhauer genannt hat, es ist der Glaube an die Zusammen-gehörigkeit und Kontinuität des Großen aller Zeiten, es ist ein Protest gegenden Wechsel der Geschlechter und die Vergänglichkeit.
Wodurch also nützt dem Gegenwärtigen die monumentalische Betrachtungder Vergangenheit, die Beschäftigung mit dem Klassischen und Seltnen frühererZeiten? Er entnimmt daraus, daß das Große, das einmal war, jedenfalls ein-mal möglich war und deshalb auch wohl wieder einmal möglich sein wird;er geht mutiger seinen Gang, denn jetzt ist der Zweifel, der ihn in schwächerenStunden anfällt, ob er nicht vielleicht das Unmögliche wolle, aus dem Feldegeschlagen. Nehme man an, daß jemand glaube, es gehörten nicht mehr alshundert produktive, in einem neuen Geiste erzogene und wirkende Menschendazu, um der in Deutschland jetzt gerade modisch gewordenen Gebildetheitden Garaus zu machen, wie müßte es ihn bestärken, wahrzunehmen, daß dieKultur der Renaissance sich auf den Schultern einer solchen Hundert-Männer-Schar heraushob. (Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für dasLeben, 1873.)
WILLE NACH RANG
Die vornehme Art Mensch fühlt sich als wertbestimmend, sie hat nicht nötig,sich gutheißen zu lassen, sie urteilt „was mir schädlich ist, das ist an sichschädlich", sie weiß sich als das, was überhaupt erst Ehre den Dingen ver-leiht, sie ist werteschaffend. Alles, was sie an sich kennt, ehrt sie: einesolche Moral ist Selbstverherrlichung. Im Vordergrunde steht das Gefühl der
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