vollenden, sondern nur die jeweiligen Bedingtheiten des Daseins, in denener seine Selbstdarstellung zu bewähren hat: vor dem Gebot der Bewährung,dem einsamen Gesetz der Edlen, gibt es nicht „Sünde oder Sitte", vor demheldischen Tun gilt weder Urteil noch Feme, es hat sein Maß nur in sich selbstund sein Gericht nur im Versagen vor dem Gebot der Stunde. (Friedrich Woltersund Carl Petersen, Die Heldensagen der germanischen Frühzeit, 1921.)
GROSSES ERWÄCHST AM GROSSEN
Die Geschichte gehört vor allem dem Tätigen und Mächtigen, dem, der einengroßen Kampf kämpft, der Vorbilder, Lehrer, Tröster braucht und sie unterseinen Genossen und in der Gegenwart nicht zu finden vermag. So gehörtesie Schillern: denn unsre Zeit ist so schlecht, sagte Goethe, daß dem Dichterim umgebenden menschlichen Leben keine brauchbare Natur mehr begegnet.Mit der Rücksicht auf den Tätigen nennt zum Beispiel Polybius die politischeHistorie die rechte Vorbereitung zur Regierung eines Staates und die vor-züglichste Lehrmeisterin, als welche durch die Erinnerung an die Unfälleanderer uns ermahne, die Abwechslungen des Glückes standhaft zu ertragen.Wer hierin den Sinn der Historie zu erkennen gelernt hat, den muß es ver-drießen, neugierige Reisende oder peinliche Mikrologen auf den Pyramidengroßer Vergangenheiten herumklettern zu sehen; dort, wo er die Anreizungenzum Nachmachen und Bessermachen findet, wünscht er nicht dem Müßig-gänger zu begegnen, der begierig nach Zerstreuung oder Sensation, wie unterden gehäuften Bilderschätzen einer Galerie herumstreicht. Daß der Tätigemitten unter den schwächlichen und hoffnungslosen Müßiggängern, mittenunter den scheinbar Tätigen, in Wahrheit nur aufgeregten und zappelndenGenossen nicht verzage und Ekel empfinde, blickt er hinter sich und unter-bricht den Lauf zu seinem Ziele, um einmal aufzuatmen. Sein Ziel aber istirgendein Glück, vielleicht nicht sein eignes, oft das eines Volkes oder das derMenschheit insgesamt; er flieht vor der Resignation zurück und gebrauchtdie Geschichte als Mittel gegen die Resignation. Zumsist winkt ihm keinLohn, wenn nicht der Ruhm, das heißt die Anwartschaft auf einen Ehren-platz im Tempel der Historie, wo er selbst wieder den Späterkommenden Lehrer,Tröster und Warner sein kann. Denn sein Gebot lautet: das, was einmal ver-mochte, den Begriff „Mensch" weiter auszuspannen und schöner zu erfüllen,das muß auch ewig vorhanden sein, um dies ewig zu vermögen. Daß die großenMomente im Kampfe der Einzelnen eine Kette bilden, daß in ihnen ein Höhenzugder Menschheit durch Jahrtausende hin sich verbinde, daß für mich das Höchsteeines solchen längst vergangenen Momentes noch lebendig, hell und groß sei■— das ist der Grundgedanke im Glauben an die Humanität, der sich in derForderung einer monumentalischen Historie ausspricht. Gerade aber an dieserForderung, daß das Große ewig sein soll, entzündet sich der furchtbarste Kampf.Denn alles andere, was noch lebt, ruft nein. Das Monumentale soll nicht ent-stehn — das ist die Gegenlosung. Die dumpfe Gewöhnung, das Kleine undNiedrige, alle Winkel der Welt erfüllend, als schwere Erdenluft um alles Großequalmend, wirft sich hemmend, täuschend, dämpfend, erstickend in den Weg,
4 Wolters, Der Deutsche. IV, 1. «q