Aber der Mund der Gattung hat noch kein verlangendes Ohr belehrt, die Handder Gattung hat noch keine Hand erfaßt und geleitet, das Herz der Gattunghat noch an keinem Herzen liebend geschlagen: diese Wahrheit der Mensch-heit ist zu „allgemein", als daß ihr sie jemals finden könntet. Ihr verschmach-tet auf der Suche oder euch ergreift zuletzt der Wahn, und ihr lügt eure Liebefür das gestalt- und leiblose. Die ewige Wahrheit erscheint nur als Gestaltund nur im sinnenhaft Begrenzten zeigt sie ihre Gesetze, eben als Gesetze derbesondern leiblichen Einheit: darum ist der größte Mensch die tiefste Wahr-heit, ja der Held und Herrscher allein ist wahrl Er allein kann wahr sein,weil sein Logos nur der ausgestrahlte Umkreis seines göttlichen Eros, seinHandeln, Gestalten und Schauen nur notwendiger Ausstrom seines Blutes ist.Im Helden, im Herrscher sucht die Wahrheit, in den heldisch gehobenen Men-schen sucht die wahren Freunde und Führer eurer Jugend: einem jeden voneuch ist am tiefsten der dionysische Partner not, der euch nicht aus Pflicht-gefühl allgemeine Grundsätze verkündet, sondern in Liebe eure besonderenGrundtriebe stärkt und in seinem Geiste beherrschen lehrt. Eure Liebe irrtnicht, solange sie rein ist, und würde auch der geringste unter den herrscher-lichen Menschen eurer Partner: er führte euch dennoch besser als die ganzeMenschheit. Ihr müßt in Liebe und Kampf mit ihm erringen, was er selbstin Liebe und Kampf mit höheren Mächten errang, er lehrt euch verehren undbewahren, wo er selbst verehrt und bewahrt, und so von Schritt zu Schrittdurch eine lebendige Hand geleitet, werdet ihr selber wahr nach dem Maßeeurer Hingabe und eurer Kraft. (Friedrich Wolters, Mensch und Gattung,1912.)
TOTENGERICHT
Kaum gibt es etwas Unterrichtenderes, kaum aber auch etwas Schwereres,als ein Gericht über die Toten, und zwar über die größesten Geister der Vor-welt. Den Prunk ihrer Zeit abgelegt, Geist vor dem Geist stehen sie da. DieTuba eines leeren Rufs ist verhallet: die entfernte Echo murmelt vielleichtetwas ganz anderes, als was ihre Nähe jauchzte. Vollends die Irrwische, dieSternschnuppen? Ein Klümpchen Schlamm liegen sie am Boden.Aber die ewigen Gedanken bleiben; mit den Jahrhunderten entwölken sie sich,immer heller aufglänzend. Auch die wesentlichen Formen der Künste desSchönen dauern; fast nur im Bedeutungslosen oder in Zusätzen der Unformändern sich ihre Gestalten.
Ungeheuer viele Namen trägt nach jener schönen Fabel Ariosts der munter-geschäftige Greis, die Zeit, in den Strom der Vergessenheit, um welchen mitgroßem Geschrei unaufhörlich Raben, Elstern und gierige Geier schwärmen.Hie und da erhaschen sie einen hingeworfenen Namen mit Klaue oder Schnabel,lassen ihn aber bald wieder sinken; zwei heilige weiße Schwäne wachen überwenige große Namen, fangen sie auf und tragen sie zum Tempel der Un-sterblichkeit hinüber. (Herder, Adrastea, 1801/1804.)
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