Druckschrift 
4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
Seite
40
Einzelbild herunterladen
 

keit und Klarheit schreibt es ihm die Grenze vor und hält ihn, daß er sich nichtverliert; und so ist es Verstand und Wille zugleich. Ist es aber zu zart undweichlich, so wird es tötend, ein nagender Wurm. Begrenzt sich der Geist,so fühlt es zu ängstlich die augenblickliche Schranke, wird zu warm, verliertdie Klarheit und treibt den Geist mit einer unverständlichen Unruhe ins Gren-zenlose; ist der Geist freier, und hebt er sich augenblicklich über Regel undStoff, so fürchtet es eben so ängstlich die Gefahr, daß er sich verliere, so wiees zuvor die Eingeschränktheit fürchtete, es wird frostig und dumpf und er-mattet den Geist, daß er sinkt und stockt, und an überflüssigem Zweifel sichabarbeitet. Ist einmal das Gefühl so krank, so kann der Dichter nichts Besseres,als daß er, weil er es kennt, sich in keinem Falle gleich schrecken läßt von ihmund es nur so weit achtet, daß er etwas gehaltener fortfährt und so leicht wiemöglich sich des Verstands bedient, um das Gefühl, es seie beschränkend oderbefreiend, augenblicklich zu berichtigen, und wenn er so sich mehrmal durch-geholfen hat, dem Gefühle die natürliche Sicherheit und Konsistenz wieder-zugeben. Überhaupt muß er sich gewöhnen, nicht in den einzelnen Momentendas Ganze, das er vorhat, erreichen zu wollen und das augenblicklich Unvoll-ständige zu ertragen; seine Lust muß sein, daß er sich von einem Augenblickzum andern selber übertrifft, in dem Maße und in der Art, wie es die Sache er-fordert, bis am Ende der Hauptton seines Ganzen gewinnt. Er muß aber janicht denken, daß er nur im crescendo vom Schwächeren zum Stärkerensich selber übertreffen könne, so wird er unwahr werden und sich überspannen;er muß fühlen, daß (er) an Leichtigkeit gewinnt, was er an Bedeutsamkeitverliert, daß das Stille die Heftigkeit und das Sinnige den Schwung gar schönersetzt, und so wird es im Fortgang seines Werks nicht einen notwendigenTon geben, der nicht den vorhergehenden gewissermaßen überträfe, und derherrschende Ton wird es nur darum sein, weil das Ganze auf diese und keineandere Art komponiert ist. (Hölderlin, Aphorismen, um 1797.)

VOLLENDUNG DES MENSCHLICHEN IM GROSSEN MANNE

Die Humanität freilich ist dem großen Manne gram, weil er nicht in schonen-der Entwicklung, sondern erschütternd, in Rausch und Kampf, die Weltvorwärtstreibt, sie sieht nur in der fortschreitenden Regelung klugersonnenerOrdnungen das Heil der Erde, das heißt im Bilde: sie hält das metrische Ordnenvon Worten schon für Dichtung, das Ordnen logischer Wahrheiten schon fürWeisheit. Vom Punkte der Schöpfung aus ist die humanePraxis nur Verbrauch,und weil ihre Vertreter sich im letzten bewußt sind, daß ihre Werke den Ver-fall notwendig in sich tragen, haben sie in trügerischer Umdeutung die großenMänner die Zerstörer genannt, als sei dies deren Wesen und der Aufbau dasWesen der kleinen Verbraucher. Man braucht die Lüge nur zu nennen, sofällt sie hin. Die Menschen haben noch keinengroß" genannt, dessen WesenZerstörung war: es gibt keine großen Zerstörer, das ist die freudigste Wahr-heit der Welt! Wieviel auch die großen Männer auf ihren Wegen vernichtenmüssen, Vernichtungswürdiges und Notwendiggeopfertes, immer ist deut-licher vor allen entflammten Augen und begeisterten Herzen der Menschen

40