wärts nach seiner Würde und dem Gesetz, nicht niederwärts nach dem Glückund nach dem Bedürfnis. Gleich frei von der eitlen Geschäftigkeit, die in denflüchtigen Augenblick gern ihre Spur drücken möchte, und von dem ungedul-digen Schwärmergeist, der auf die dürftige Geburt der Zeit den Maßstab desUnbedingten anwendet, überlasse er dem Verstand, der hier einheimisch ist,die Sphäre des Wirklichen; er aber strebe, aus dem Bunde des Möglichen mitdem Notwendigen das Ideal zu erzeugen. Dieses präge er aus in Täuschungund Wahrheit, präge es in die Spiele seiner Einbildungskraft und in den Ernstseiner Taten, präge es aus in allen sinnlichen und geistigen Formen und werfees schweigend in die unendliche Zeit. (Schiller, Über die ästhetische Er-ziehung des Menschen, 1795.)
EINSAME IN SCHLIMMER ZEIT
Es ist eine sehr falsche Behauptung, die man aber oft hört, daß jedes großeKunstwerk auf seine Zeit eine große Wirkung hervorbringen müsse, daß fernerdas Werk, welches eine große Wirkung hervorbringt, auch ein großes Kunst-werk sei, und daß dort, wo bei einem Werke die Wirkung ausbleibt, von einerKunst nicht geredet werden kann. Wenn irgendein Teil der Menschheit,ein Volk, rein und gesund am Leibe und an der Seele ist, wenn seine Kräftegleichmäßig entwickelt, nicht aber nach einer Seite unverhältnismäßig ange-spannt und tätig sind, so nimmt dieses Volk ein reines und wahres Kunstwerktreu und warm in sein Herz auf, wozu es keiner Gelehrsamkeit, sondern nurseiner schlichten Kräfte bedarf, die das Werk als ein ihnen Gleichartiges auf-nehmen und hegen. Wenn aber die Begabungen eines Volkes, und seien sie nochso hoch, nach einer Richtung hin in weiten Räumen vorauseilen, wenn sie garauf bloße Sinneslust oder auf Laster gerichtet sind, so müssen die Werke,welche eine große Wirkung hervorbringen sollen, auf jene Richtung, in derdie Kräfte vorzugsweise tätig sind, hinzielen, oder sie müssen Sinneslust undLaster darstellen. Reine Werke sind einem solchen Volke ein Fremdes, eswendet sich von ihnen. Daher rührt die Erscheinung, daß edle Werke der Kunstein Zeitalter rühren und begeistern können, und daß dann ein Volk kommt,dem sie nicht mehr sprechen. Sie verhüllen ihr Haupt und harren, bis andereGeschlechter an ihnen vorüberwandeln, die wieder reines Sinnes sind, undzu ihnen emporblicken. Diesen lächeln sie, und von diesen werden sie wiederwie herübergerettete Heiligtümer in Tempel gebracht. In entarteten Völkernblüht zuweilen, aber sehr selten, ein reines Werk wie ein vereinsamter Strahlhervor, es wird nicht beachtet und wird später von einem Menschenforscherentdeckt, wie jener Gerechte in Sodoma. Damit aber der Dienst der Kunstleichter erhalten werde, sind in jedem Zeitalter solche, denen ein tieferer Sinnfür Kunstwerke gegeben ward, sie sehen mit klarerem Auge in ihre Teile, nehmensie mit Wärme und Freude in ihr Herz und übergeben sie so ihren Mitmenschen.Wenn man die Erschaffenden Götter nennt, so sind jene die Priester dieserGötter. Sie verzögern den Schritt des Unheiles, wenn der Kunstdienst zu ver-fallen beginnt, und sie tragen, wenn es nach der Finsternis wieder hell werdensoll, die Leuchte voran. (Adalbert Stifter, Machsommer, 1857.)
37