Schranken und Grenzen zu umbauen, ihn auf jede Weise zu retardieren, ihnungeduldig, verdrießlich zu machen und ihn nicht allein von außen, sondernauch von innen zum Stocken zu bringen. ,
Diese Epoche ist also gewöhnlich die des Konflikts, und man kann niemalssagen, daß diese Zeit Ehre von einem Manne habe. Die Ehre gehört ihm selbstan, und zwar ihm allein und den wenigen, die ihn begünstigen und mit ihmhalten.
Sind nun diese Widerstände überwunden, ist dieses Streben gelungen, dasAngefangene vollbracht, so läßt sich's denn die Welt zuletzt wohl auch ge-fallen; aber auch dieses gereicht ihr keineswegs zur Ehre. Die Vorwerber sindabgetreten, den Mitwerbern ist es nicht besser gegangen, und sie haben viel-leicht doch auch ihre Zwecke erreicht und sind beruhigt; die Nachwerber sindnun an ihrer Reihe der Lehre, des Rats, der Hilfe bedürftig, und so schließtsich der Kreis, oder vielmehr so dreht sich das Rad abermals, um seine erneuertewunderliche Linie zu beschreiben. (Goethe, Zur Farbenlehre, 1810.)
BEWAHRUNG DER GRÖSSE DURCH DIEKÜNSTLERISCHE FORM
Der Künstler ist zwar der Sohn seiner Zeit, aber schlimm für ihn, wenn erzugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günstling ist. Eine wohltätige Gott-heit reiße den Säugling beizeiten von seiner Mutter Brust, nähre ihn mit derMilch eines bessern Alters und lasse ihn unter fernem griechischen Himmelzur Mündigkeit reifen. Wenn er dann Mann geworden ist, so kehre er, einefremde Gestalt, in sein Jahrhundert zurück, aber nicht, um es mit seiner Er-scheinung zu erfreuen, sondern furchtbar, wie Agamemnons Sohn, um eszu reinigen. Den Stoff zwar wird er von der Gegenwart nehmen, aber die Formvon einer edlern Zeit, von der absoluten, unwandelbaren Einheit seines Wesensentlehnen. Hier, aus dem reinen Äther seiner dämonischen Natur, rinnt dieQuelle der Schönheit herab, unangesteckt von der Verderbnis der Geschlechterund Zeiten, welche tief unter ihr in trüben Strudeln sich wälzen. SeinenStoff kann die Laune entehren, wie sie ihn geadelt hat, aber die keusche Formist ihrem Wechsel entzogen. Der Römer des ersten Jahrhunderts hatte längstschon die Knie vor seinen Kaisern gebeugt, als die Bildsäulen noch aufrechtstanden; die Tempel blieben dem Auge heilig, als die Götter längst zum Ge-lächter dienten, und die Schandtaten eines Nero und Kommodus beschämteder edle Stil des Gebäudes, das seine Hülle dazu gab. Die Menschheit hatteihre Würde verloren, aber die Kunst hat sie gerettet und aufbewahrt in be-deutenden Steinen; die Wahrheit lebt in der Täuschung fort, und aus demNachbilde wird das Urbild wieder hergestellt werden. So wie die edle Kunst dieedle Natur überlebte, so schreitet sie derselben auch in der Begeisterung bildendund erweckend voran. Ehe noch die Wahrheit ihr siegendes Licht in die Tiefender Herzen sendet, fängt die Dichtungskraft ihre Strahlen auf, und die Gipfelder Menschheit werden glänzen, wenn noch feuchte Nacht in den Tälern liegt.Wie verwahrt sich aber der Künstler vor den Verderbnissen seiner Zeit, dieihn von allen Seiten umfangen? Wenn er ihr Urteil verachtet. Er blicke auf-
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