In frischer Erinnerung steht auch noch, wie man sich 1848 nach einem großenManne sehnte, und womit man dann in der Folge vorliebnahm.Nicht jede Zeit findet ihren großen Mann und nicht jede große Fähigkeitfindet ihre Zeit. Vielleicht sind jetzt sehr große Männer vorhanden für Dinge,die nicht vorhanden sind. Jedenfalls kann sich das vorherrschende Pathosunserer Tage, das Besserlebenwollen der Massen, unmöglich zu einer wahr-haft großen Gestalt verdichten. Was wir vor uns sehen, ist eher eine all-gemeine Verflachung, und wir dürften das Aufkommen großer Individuen fürunmöglich erklären, wenn uns nicht die Ahnung sagte, daß die Krisis einmalvon ihrem miserablen Terrain „Besitz und Erwerb" plötzlich auf ein anderesgeraten, und daß dann ,,der Rechte" einmal über Nacht kommen könnte,—- worauf dann alles hinterdrein läuft.
Denn die großen Männer sind zu unserem Leben notwendig, damit die welt-geschichtliche Bewegung sich periodisch und ruckweise freimache von bloßenabgestorbenen Lebensformen und von reflektierendem Geschwätz.Und für den denkenden Menschen ist gegenüber der ganzen bisher abgelau-fenen Weltgeschichte das Offenhalten des Geistes für jede Größe eine der wenigsicheren Bedingungen des höheren geistigen Glückes. (Jacob Burckhardt,Weltgeschichtliche Betrachtungen, verfaßt 1868.)
WIDERSTAND GEGEN DAS BEDEUTENDE
Wenn die Frage, welcher Zeit der Mensch eigentlich angehöre, gewissermaßenwunderlich und müßig scheint, so regt sie doch ganz eigene Betrachtungenauf, die uns interessieren und unterhalten können.
Das Leben jedes bedeutenden Menschen, das nicht durch einen frühen Todabgebrochen wird, läßt sich in drei Epochen teilen: in die der ersten Bildung,in die des eigentümlichen Strebens und in die des Gelangens zum Ziele, zurVollendung.
Meistens kann man nur von der ersten sagen, daß die Zeit Ehre von ihr habe:denn erstlich deutet der Wert eines Menschen auf die Natur und Kraft derin seiner Geburtsepoche Zeugenden; das Geschlecht, aus dem er stammt,manifestiert sich in ihm öfters mehr als durch sich selbst, und das Jahr derGeburt eines jeden enthält in diesem Sinne eigentlich das wahre Nativitäts-Prognostikon mehr in dem Zusammentreffen irdischer Dinge als im Auf-einanderwirken himmlischer Gestirne.
Sodann wird das Kind gewöhnlich mit Freundlichkeit aufgenommen, gepflegt,und jedermann erfreut sich dessen, was es verspricht. Jeder Vater, jeder Lehrersucht die Anlagen nach seinen Einsichten und Fähigkeiten bestens zu ent-wickeln, und wenigstens ist es der gute Wille, der alle die Umgebungen desKnaben belebt. Sein Fleiß wird gepriesen, seine Fortschritte werden belohnt,der größte Eifer wird in ihm erregt und ihm zugleich die törige Hoffnungvorgespiegelt, daß das immer stufenweise so fortgehen werde.Allein er wird den Irrtum nur allzubald gewahr: denn sobald die Welt deneinzelnen Strebenden erblickt, sobald erschallt ein allgemeiner Aufruf, sichihm zu widersetzen. Alle Vor- und Mitwerber sind höchlich bemüht, ihn mit
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