in dramatische umzuwandeln). Die religiöse Phantasie will lange Zeit durch-aus nicht an die Identität des Gottes mit einem Bilde glauben: das Bild solldas numen der Gottheit in irgendeiner geheimnisvollen, nicht völlig aus-zudenkenden Weise hier als tätig, als örtlich gebannt erscheinen lassen.Das älteste Götterbild soll den Gott bergen und zugleich verbergen — ihnandeuten, aber nicht zur Schau stellen. Kein Grieche hat je innerlich seinenApollo als Holz-Spitzsäule, seinen Eros als Steinklumpen angeschaut; es warenSymbole, welche gerade Angst vor der Veranschaulichung machen sollten.Ebenso steht es noch mit jenen Hölzern, denen mit dürftigster Schnitzereieinzelne Glieder, mitunter in der Überzahl, angebildet waren: wie ein lakoni-scher Apollo vier Hände und vier Ohren hatte. In dem Unvollständigen, An-deutenden oder Übervollständigen liegt eine grausenhafte Heiligkeit, welcheabwehren soll, an Menschliches, Menschenartiges zu denken. Es ist nicht eineembryonische Stufe der Kunst, in der man so etwas bildet: als ob man in derZeit, wo man solche Bilder verehrte, nicht hätte deutlicher reden, sinnfälligerdarstellen können. Vielmehr scheut man gerade eines: das direkte Heraus-sagen. Wie die Cella das Allerheiligste, das eigentliche numen der Gottheitbirgt und in geheimnisvolles Halbdunkel versteckt, doch nicht ganz; wie wie-derum der peripterische Tempel die Cella birgt, gleichsam mit einem Schirmund Schleier vor dem ungescheuten Auge schützt, aber nicht ganz; so ist dasBild die Gottheit und zugleich Versteck der Gottheit. — Erst als außerhalbdes Kultus, in der profanen Welt des Wettkampfes, die Freude an demSieger im Kampfe so hoch gestiegen war, daß die hier erregten Wellen in denSee der religiösen Empfindung hinüberschlugen, erst als das Standbild desSiegers in den Tempelhöfen aufgestellt wurde und der fromme Besucher desTempels freiwillig oder unfreiwillig sein Auge wie seine Seele an diesen unum-gänglichen Anblick menschlicher Schönheit und Überkraft gewöhnen mußte,so daß, bei der räumlichen und seelischen Nachbarschaft, Mensch- und Gott-verehrung ineinander überklangen: da erst verliert sich auch die Scheu vorder eigentlichen Vermenschlichung des Götterbildes, und der große Tummel-platz für die große Plastik wird aufgetan: auch jetzt noch mit der Beschrän-kung, daß überall, wo angebetet werden soll, die uralte Form und Häßlichkeitbewahrt und vorsichtig nachgebildet wird. Aber der weihende und schenkendeHellene darf seiner Lust, Gott Mensch werden zu lassen, jetzt in aller Selig-keit nachhängen. (Nietzsche, Menschliches Allzumenschliches II, 1879/1880.)
MÄNNLICHE UND WEIBLICHE SCHÖNHEIT
Die Griechen haben das Schönste gekannt und gebildet. Wenn der schöneNacken bei Bacchus herabfließt, und Venus aus dem Bade mit ihrem gebogenenRücken der Taube herauftritt, und der schöne Torso da sitzt und sinnt — dochwie kann ich beschreiben? und was hilft beschreiben, wenn man nicht selbstsieht und das schöne Gebirge hinabgleitet? Und wie über der Hüfte sich derRücken in Weiche verliert! Prometheus und Pygmalion, konnten sie andersals umschlingend das schöne Gebilde, das zarte Verfließen auf jeglicher Stellegebildet haben? Und die Hüften, nach der Sprache jenes alten Buches der
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