Ermattung zu erheben; nur ein neues Wissen, ein neuer Glaube vermögend,sie zu der Arbeit zu begeistern, wodurch sie in einem verjüngten Leben eineder vorigen ähnliche Herrlichkeit offenbarte. Zwar eine Kunst, die nach allenBestimmungen dieselbe wäre, wie die der früheren Jahrhunderte, wird niewieder kommen; denn nie wiederholt sich die Natur. Ein solcher Raphaelwird nicht wieder sein, aber ein anderer, der auf eine gleich eigentümlicheWeise zum Höchsten der Kunst gelangt ist. Lasset nur jene Grundbedingungnicht fehlen, und die wiederauflebende Kunst wird wie die frühere in ihrenersten Werken das Ziel ihrer Bestimmung zeigen: in der Bildung des be-stimmt Charakteristischen schon, geht sie anders aus einer frischen Urkrafthervor, ist, wenn auch verhüllt, die Anmut gegenwärtig, in beiden schon dieSeele vorherbestimmt. Werke, die auf solche Art entspringen, sind auch inanfänglicher Unvollendung schon notwendige, ewige Werke.Wir dürfen es bekennen, wir haben bei jener Hoffnung eines neuen Auf-lebens einer duchaus eigentümlichen Kunst hauptsächlich das Vaterland imAuge. Dieses Volk, von welchem die Revolution der Denkart in dem neuerenEuropa ausgegangen, dessen Geisteskraft die größten Erfindungen bezeugen,das dem Himmel Gesetze gegeben und am tiefsten von allen die Erde durch-forscht hat, dem die Natur einen unverrückten Sinn für das Rechte und dieNeigung zur Erkenntnis der ersten Ursachen tiefer als irgendeinem anderneingepflanzt, dieses Volk muß in einer eigentümlichen Kunst endigen. (Schel-ling, Rede über das Verhältnis der bildenden Künste zur Natur, 1807.)
BILDWERDUNG VON SIEGERN UND GÖTTERN
In die Geschichte der religiösen Vorstellungen wird viel falsche Entwicklungund Allmählichkeit hineingedichtet, bei Dingen, die in Wahrheit nicht ausund hinter einander, sondern neben einander und getrennt aufgewachsen sind;namentlich ist das Einfache viel zu sehr noch im Rufe, das Älteste und An-fänglichste zu sein. Nicht wenig Menschliches entsteht durch Subtraktion undDivision und gerade nicht durch Verdopplung, Zusatz, Zusammenbildung.—■ Man glaubt zum Beispiel immer noch an eine allmähliche Entwicklungder Götterdarstellung von jenen ungefügen Holzklötzen und Steinen aus biszur vollen Vermenschlichung hinauf: und doch steht es gerade so, daß, solangedie Gottheit in Bäume, Holzstücke, Steine, Tiere hinein verlegt und empfundenwurde, man sich vor einer Anmenschlichung ihrer Gestalt wie vor einerGottlosigkeit scheute. Erst die Dichter haben, abseits vom Kultus und demBanne der religiösen Scham, die innere Phantasie der Menschen daran gewöh-nen, dafür willig machen müssen: überwogen aber wieder frömmere Stim-mungen und Augenblicke, so trat dieser befreiende Einfluß der Dichter wiederzurück, und die Heiligkeit verblieb nach wie vor auf Seite des Ungetüm-lichen, Unheimlichen, ganz eigentlich Unmenschlichen. Selbst aber vielesvon dem, was die innere Phantasie sich zu bilden wagt, würde doch noch,in äußere leibhafte Darstellung übersetzt, peinlich wirken: das innere Augeist um vieles kühner und weniger schamhaft als das äußere (woraus sich diebekannte Schwierigkeit und teilweise Unmöglichkeit ergibt, epische Stoffe
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