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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
Seite
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Unschuld, zwei Spangen von Meisterhand und die Schenkel Apollos als Mar-morsäulen, und das Knie ohne totgelöste Knöchel, als wäre es aus weichemTon geblasen, und die Wade des Fußes weder hangend und angeklebt nochdürftig; ein strebender Muskel voll Jugendtritt und Stärke. Der Fuß endlich,belebt bis zum kleinsten Gliede, nicht losgetrennt vom Ganzen und etwa alsder Schuh eines Gewürmes angezogen, sondern eins mit allem, das Ganze aufihn hinabfließend und es das Ganze tragend. Und wie die Schenkel zu Marmor-säulen, so wand Mutter Natur die Arme zu zarten Zylindern und umschlangsie mit dem ersten Brautkranz der Liebe. Und schonte die Spitze des Bogensund ließ am Weibe die Hand sanft hinabfließen, in kleine Zylinder. Und be-polsterte sie von innen in jedem Blumenbusche der Fühlbarkeit, der auf Ge-fühl wartet, mit dem ersten Druck der Liebe. Und machte jedes Glied wäch-sern und beweglich und regsam, den Finger fast zu einem Sonnenstrahl, unddie milchgewaschene Höhe der Hand zum ungeteilten und gliedervollen Hügelvoll Rege, voll umfassenden Lebens. Und wie der Arm des Mannes strebt!Muskeln seine Siegeskränze und Nerven seine Bande der Liebe. Mächtigund frei gehn sie von den Schultern hervor, die Werkzeuge der Kunst undWaffen der Tugend. Sie sind da, die Brust zu schützen, Geliebte, Freund undVaterland zu umschlingen, ans Herz zu drücken und zu verteidigen. Und dieHand ein Gebilde voll feinen Gefühls und tausendförmiger organischer Übung.Und wie edel der ganze Bau dasteht: Angesicht, Stirn und Brust zeigend undmit seinen Schenkeln schreitend.Schauerlich groß sind wir gebildet, kunst-reich unser Gebein gezählt und gefügt, und unsre Nerven geflochten und unsreAdern als Lebensströme geleitet. Aus Leim gemacht und wie zarte Milchgemolken und wie Käse sanft geronnen und mit Haut bekleidet und mit OdemGottes beseelet." (Herder, Plastik, 1778.)

DAS NEUE KÖRPERGEFÜHL: DIE TURNKUNST

Die Turnkunst soll die verloren gegangene Gleichmäßigkeit der menschlichenBildung wieder herstellen, der bloß einseitigen Vergeistigung die wahre Leib-haftigkeit zuordnen, der Überverfeinerung in der wiedergewonnenen Männ-lichkeit das notwendige Gegengewicht geben, und im jugendlichen Zusammen-leben den ganzen Menschen umfassen und ergreifen.

Solange der Mensch noch hienieden einen Leib hat und zu seinem irdischenDasein auch ein leibliches Leben bedarf, was ohne Kraft und Stärke, ohneDauerbarkeit und Nachhaltigkeit, ohne Gewandtheit und Anstelligkeit zumnichtigen Schatten versiecht wird die Turnkunst einen Hauptteil dermenschlichen Ausbildung einnehmen müssen. Unbegreiflich, daß diese Brauch-kunst des Leibes und Lebens, diese Schutz- und Schirmlehre, diese Wehrhaft-machung so lange verschollen gewesen. Aber diese Sünde früherer leib-und liebloser Zeit wird auch noch jetzt an jeglichem Menschen mehr oderminder heimgesucht. Darum ist die Turnkunst eine menschheitliche An-gelegenheit, die überall hingehört, wo sterbliche Menschen das Erdreichbewohnen. Aber sie wird immer wieder in ihrer besonderen Gestalt undAusübung recht eigentlich ein vaterländisches Werk und volkstümliches

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