nur der allbewegende süße Klang, der harmonisch und melodisch erregt, wasseiner fähig ist, auch harmonisch und melodisch reget.
Gleichergestalt wissen wir, daß die Stimme jedes Gleichartigen sich dem Gleich-artigen vorzüglich mitteilt, eine Folge des genetischen Begriffes der Musik über-haupt. Im gleichartigen Instrument klingen die angeklungenen Töne am stärk-sten und reinsten wieder. So auch in lebendigen Wesen. Die Stimme des Ge-schlechts teilt sich dem Geschlecht, vornehmlich wenn es in Gesellschaft, inHerden lebt, sympathetisch mit, wie die Naturgeschichte es in zahllosen Bei-spielen erweiset. Ein Laut des Geängsteten ruft alle zusammen, läßt ihnen, solang er tönt, keine Ruhe; angstvoll jammern sie und eilen zur Hülfe. Die Töne derFreude, des Verlangens rufen den, den sie angehn, eben so gewaltsam. Die ur-sprüngliche Macht der Töne beruht also nicht auf der „Proportion der ver-schiednen Grade der Stimmung des Gehörs" allein, als ob dem Ohr die Emp-findung angehörte und es sich selbst, isoliert von der Schöpfung, Töne schüfe;dies ist nur Zustand des Traums oder der Krankheit, der ein Wachen und eineGesundheit voraussetzt. Die Macht des Tons, der Ruf der Leidenschaftengehört dem ganzen Geschlecht, seinem Körper- und Geistesbau sympathetisch.Es ist die Stimme der Natur, Energie des Innigbewegten, seinem ganzen Ge-schlecht sich zum Mitgefühl verkündend; es ist harmonische Bewegung.Daher der Tanz: denn da die Töne der Musik zeitmäßige Schwingungen sind,so regen sie, wie die Empfindung sie maß, hob, senkte, den Körper; der Rhyth-mus ihres Ausdrucks drückt sich aus durch seinen Rhythmus. Daher auchdie mit der Musik verbundene Gebärdung. Stark bewegt kann der Naturmenschsich ihrer kaum enthalten; er drückt aus, was er hört, durch Züge des Gesichts,durch Schwingungen der Hand, durch Stellung und Beugung. Die Tänze derNatur- und überhaupt der warmen, heftigbewegten Völker sind alle panto-mimisch. Auch bei den Griechen war's nicht anders; sie sprechen von derMusik als Führerin des Tanzes, eines Tanzes jeder Seelenbewegung.Da also durch ein Band der Natur Musik, Tanz und Gebärdung als Typen undEktypen einer gemeinschaftlichen Energie innig verbunden sind, konnte ihnender natürlichste Ektypus, die Mitstimme des Empfindenden, fehlen? Wirstimmen ein, wo Stimmen erklingen; die Gewalt der Chöre, insonderheit imAugenblick des Einfallens und Wiedereinfallens, ist unbeschreibbar. Un-beschreibbar die Anmut der Stimmen, die einander begleiten; sie sind einsund nicht eins; sie verlassen, suchen, verfolgen, widersprechen, bekämpfen,verstärken, vernichten einander und erwecken und beleben und trösten undschmeicheln und umarmen einander wieder, bis sie zuletzt in einem Ton er-sterben. Es gibt kein süßer Bild des Suchens und Findens, des freundschaft-lichen Zwistes und der Versöhnung, des Verlierens und der Sehnsucht, derzweifelnden und ganzen Wiedererkennung, endlich der völligen süßen Ver-einigung und Verschmelzung, als diese zwei- und mehrstimmigen Tongänge,Tonkämpfe, wortlos oder von Worten begleitet. (Herder, Kalligone, 1800.)
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