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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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ihren Flügeln noch höher empor, indem sie ihm fremde Empfindungs- undGedankenweisen zauberisch eindrückte. Gleich denkend, miteinander fühlend,bleiben Menschen einander nicht mehr fremde, sobald sie ein Äther umfängt,ein Hymnus belebet. An einer gemeinschaftlichen Regel lernen gleichsamihre innersten Lebensgeister den Takt und Ton einer edlen Empfindungs-und Denkart, indem viele an der Denkart eines einzigen Teil nehmen. Sei esein Mensch oder Genius, der also sang; genug, er dachte, er handelte also;seine Gedankenweise ist der Sprache einverleibt, und klingt wieder. Was ichan Homer, Pindar, Horaz und andern lernte; warum sollten es nicht auchandere fühlen? Von jeher war die Lyra ein Sinnbild der Eintracht, der Über-einstimmung des Mannigfaltigen zu einem, nach Maß, Zahl, Ordnung, Fort-gang, auf eine unerwartete, anmutig-zarte Weise; dies Sinnbild war sie undwird sie bleiben. (Herder, Terpsichore, 1795/1796.)

DICHTUNG ALS BILDENDE KRAFT

übrigens ist das Interesse für Philosophie und Politik, wenn es auch nochallgemeiner und ernster wäre, als es ist, nichts weniger als hinreichend fürdie Bildung unserer Nation, und es wäre zu wünschen, daß der grenzenloseMißverstand einmal aufhörte, womit die Kunst und besonders die Poesiebei denen, die sie treiben, und denen, die sie genießen wollen, herabgewürdigtwird. Man hat schon so viel gesagt über den Einfluß der schönen Künsteauf die Bildung der Menschen, aber es kam immer heraus, als war' es keinemErnst damit, und das war natürlich, denn sie dachten nicht, was die Kunstund besonders die Poesie ihrer Natur nach ist. Man hielt sich bloß an ihreanspruchlose Außenseite, die freilich von ihrem Wesen unzertrennlich ist,aber nichts weniger als den ganzen Charakter derselben ausmacht; man nahmsie für Spiel, weil sie in der bescheidenen Gestalt des Spiels erscheint, und sokonnte sich auch vernünftigerweise keine andere Wirkung von ihr ergeben,als die des Spiels, nämlich Zerstreuung, beinahe gerade das Gegenteil von dem,was sie wirket, wo sie in ihrer wahren Natur vorhanden ist. Denn alsdannsammelt sich der Mensch bei ihr und sie gibt ihm Ruhe, nicht die leere, son-dern die lebendige Ruhe, wo alle Kräfte regsam sind und nur wegen ihrerinnigen Harmonie nicht als tätig erkannt werden. Sie nähert die Menschenund bringt sie zusammen, nicht wie das Spiel, wo sie nur dadurch vereinigtsind, daß jeder sich vergißt und die lebendige Eigentümlichkeit von keinemzum Vorschein kommt. (Hölderlin, Brief von 1799.)

TRAUMKRAFT DER DICHTUNG

Wie der Dichter, gleich einem Gotte, vorn am ersten Tage der Schöpfung seineWelt setzt, ohne weitern Grund als den der Allmacht der Schönheit: so darfer auch mitten im Werke da, wo nichts Altes beantwortet oder aufgehobenwird, den freien Schöpfung-Anfang wiederholen.

Je niedriger der Boden und die Menschen eines Kunstwerks und je näher derProse: desto mehr stehen sie unter dem Satze des Grundes.

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