der Worte will man hören und nicht die nachgeahmte Wirklichkeit vor sichsehen. Die wahre Poesie ist zu heilig für mimische Lebhaftigkeit und zugeistig für sichtbare Darstellung; sie kommt aus dem Unsichtbaren, undTöne allein sind ihr Organ. Die alten Rhapsoden rezitierten ihre Gedichtefeierlich zur Leyer, halbsingend war ihr Vortrag und drang in die Herzen derHörer. Diese neuen Deklamatoren hingegen stehen in dem Wahne, daß esbei ihrer Kunst hauptsächlich auf Täuschung abgesehen sei, und daß sie wirk-lich mit ihrem ganzen Wesen darstellen müssen, was sie nur gefällig nach-sprechen sollten; daher kommen dann Zierereien aller Arten zum Vorschein;sie wollen aus der Haut fahren, wo Unruhe herrscht, und schmelzen dahinbei zärtlichen Gefühlen; bei Schillers Resignation schlagen sie die Arme in-einander und geben sich das Ansehen, noch viel mehr zu wissen, als in demohnehin krausen Sinne des Gedichtes liegt; zu Goethes Legende von Petrusmachte dieser Sprecher hier ein Gesicht, als wäre er selbst der schlaue Gesell,der solche Einfälle hätte, und verfehlte damit ganz die naive Einfalt des treff-lichen Stückes.-------Die beste und natürlichste Art, die Poesie vorzutragen,
steht zwischen der singenden Manier des Volkes und der rednerischen Dekla-mation in der Mitte. Auf den Modegeschmack kommt es nicht an; aber jeder,in dem echtes Gefühl des Schönen wohnt, wird, wenn er für sich selbst, vonandern unbehorcht, ein Gedicht hersagt, das ihm den Busen belebt, es in einemetwas modulierten Rhythmus tun, fern von anmaßendem Verstandsausdruck,dies ist die Stimme der Empfindung, also auch, in diesem Falle, der Natur.(Ulrich Hegner, Molkenkur, 1812.)
DIE DICHTERSPRACHE ALS SCHÖPFERIN DER GEMEINSCHAFT
Wie Luft und Schall, so sind Sprache und Töne das Medium, das empfindendeWesen verbindet.
Wohl kann es sein, daß der Dichter mit Zufriedenheit sage: ,,ich singe mirselbst und den Musen"; seine Flöte tönt, unbekümmert, ob sie der Nachhalloder ein menschliches Ohr vernehme. Hindern kann er es indessen doch nicht,daß die Echo sie nicht vernehme, daß ein menschliches Ohr sie nicht belausche;noch weniger kann er die Töne verstummen machen, die gleichstimmig oderwidrig in Menschenherzen schlummern. Für diesen Consent von Harmonienund Disharmonien, für die Symphonie und Antophonie menschlicher Emp-findungen hat die Natur gesorgt. Die wars, die dem Dichter vorarbeitete,und wenn mir der Ausdruck erlaubt ist, in deren großem Webstuhl er wirket.Alle kleinen egoistischen Zweifel von Wirksamkeit oder Unwirksamkeitdes lyrischen Gesanges auf kultivierte Denker verschwinden vor der lautenStimme der Tat, dem großen Konzert in allen menschlichen Gemütern, solange diese aus der ganzen Natur sich noch nicht hinausgedacht haben.Und diese Eintracht der Stimmen, diese Harmonie des Vergnügens in ge-meinschaftlich-empfundenen Gedankenformen und Regungen des Gemüts,sie ist der Ozean, auf dem der lyrische Dichter rudert. Sprache hat die Men-schen gebunden und füreinander gebildet; sie entriß jeden Einzelnen dem stum-men Grabe seiner eignen Existenz und Gedankenweise. Musik trug ihn auf
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