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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
Seite
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Wohnplatz der Menschheit umfängt, jenes Element von Musik, das keineNation empfunden haben kann wie die, welche Gluck und Mozart und Haydnund Bach und Händel geboren, ist wirklich als Vorgefühl oder Nachgefühlin jedem deutschen Herzen, es lebt in unserer Kunst, es regt sich an tausendStellen unserer Sprache, aber im wirklichen und gegenwärtigen deutschenLeben, das heißt im Gespräche und in den gesellschaftlichen Verbindungen,entbehren wir es.

Die Dialekte unserer Sprache sind, zumal was Betonung und Akzent angeht,schöne Denkmale vaterländischer Treue, festen Beharrens in dem Boden,der uns erzeugt, und an die Weise, wie seine Berge und Wälder und die Herzen,die er trägt, den Ton der Herzlichkeit zurückgaben; aber wie schroff stehensie untereinander, wie sperren und spannen sie die einzelnen Gebiete vonDeutschland gegeneinander; so auch die Gesinnungen, die Gedanken: eingemeinschaftlicher Grundton der Harmonie nirgends, wenn nicht etwa indem Nachklang dessen, was wir einst waren, und in der Ahndung dessen, waswir werden können. Man werfe uns nicht vor, daß jeder einzelne von unsnach dem Unendlichen strebe, alles umfassen, sich eine eigne Welt bauenwolle: er sucht, er strebt nur nach der Ganzheit, nach der Fülle seines zer-splitterten Volks; im Innern seines Herzens will er umfassen, was sich in deräußeren Welt für den kurzen Zeitraum seines Lebens nicht hat finden undbinden wollen; er versammelt die zerstreuten Züge des deutschen Gemein-wesens, wie eines abwesenden Freundes; er möchte, was in die Schicksale,in die Gedanken dieser großen Nation eingegriffen und was hat denn nichteingegriffen? in ein großes Gebäude, in ein Vaterhaus für die deutscheNachwelt zusammenfügen; er kann nichts Geringeres unternehmen als denBau einer Welt, weil die Welt, für die er geboren worden, wirklich zerfallenist. (Adam Müller, Zwölf Reden über die Beredsamkeit und deren Verfallin Deutschland, 1812.)

SCHAUSPIELERISCHES UND DICHTERISCHES HERSAGEN

Aus dem Munde Homers floß der milde Strom seiner Gesänge gewiß nichtmit dem fingierten Feuer eines Sachwalters, und er wollte nicht selbst Achillsein, wenn er ihn als den ersten der Helden sprechen ließ. Wenn Demosthenesvor dem atheniensischen Volke sprach, geschah es ohne Zweifel mit einerBegeisterung, die sich über sein ganzes Dasein ergoß; da war es natürlich undnotwendig. Aber eine Rede, die ihm nachgesprochen wird, vor Zuhörern, dienicht der Gegenstand ihrer Wirkung sind, kann und soll auch nicht mit demgleichen Affekte vorgetragen werden; denn ohne das atheniensische Volkvor sich zu haben, wäre der hochbegeisterte Redner ein übertriebenes Bild.So auch Pindar; und, wer, der sich einen Anakreon denken kann, würde mits o einem reisenden süßlichen Schöngeiste, der ihn vorstellen wollte, vorlieb-nehmen?

Die hervortretende Persönlichkeit des Vorlesers bewirkt gerade das Gegen-teil von dem, was sie bezweckt; sie zerstört das idealische Bild, das sich derfeinfühlende Zuhörer von selbst macht. Den Zauber, die Fülle, den Adel

2 Wolters, Der Deutsche. IV, I. jy