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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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Zu einem wahren Gespräch gehören gewisse Erfordernisse, die sich, zumal inunsrer Zeit, seltner beisammen finden, als man denken sollte. Zuvörderstzwei durchaus verschiedene Sprecher, die einander geheimnisvoll und un-ergründlich sind; dann zwischen beiden eine gewisse gemeinschaftliche Luft,ein gewisser Glaube, ein Vertrauen, ein gemeinschaftlicher Boden der Wahr-heit und der Gerechtigkeit. Beide Forderungen sollte der Mensch eigentlicherfüllen, inwiefern er Mensch ist: indes finde ich besonders die heutige Gene-ration so einförmig und so zerrissen, von dem, was sie vereinigen sollte, näm-lich den Ideen, so abgewendet, und in den Formen des Geistes, darin sie sichbrechen sollte, so gleichartig, daß es mich nicht befremden kann, wenn es über-haupt viel mehr Redende als Hörende, viel mehr Lehrende als Lernende undwenig wahres Gespräch gibt. Die ein Gespräch führen sollen, müssen ein-ander etwas zu sagen haben, etwas Freies, Eigentümliches; die Form desGeistes in ihnen muß eine durchgängig verschiedene sein; jedermann gibtdas auf den ersten Blick zu. Aber daß ein ebenso mächtiges Gemeinschaft-liches zwischen ihnen sein müsse, daß neben dem höchsten Zwiespalt, dendie Natur angerichtet, sie ein desto gewaltigeres Streben nach der Vereinigungund dem Frieden gelegt, also ein wahres und inniges Gespräch begründethabe, bedarf einer näheren Auseinandersetzung.

Für sich allein oder für jedermann ist niemand ein Redner: wem nicht ge-wisse Personen, gewisse Arten des Widerspruchs den Mund verschließen,der mag ein geübter Sophist sein, aber ein Redner ist er sicherlich nicht. Wernicht über gewisse Dinge mit mir einig ist, mit dem kann ich über die ander-weiten nicht streiten. Glaubt ihr an mich, so bin ich ein Redner; zweifelt ihran mir, so bin ich stumm; nicht etwa aus Absicht oder mit Vorsatz, aber weilmir wirklich das Vermögen, das Talent der Rede im Munde verlöscht. Glaubtihr an mich, kann wohl nichts anderes heißen, als, glaubt ihr, daß ich etwasHöheres will als mich: nämlich die Wahrheit oder die Gerechtigkeit. Diebeiden Sprecher also im Gespräch müssen aneinander glauben, eine Luft desVertrauens muß sie beide umfangen, ein Boden der Gesinnung muß sie beidetragen; mindestens muß ein gemeinschaftliches Gesetz des Anstandes undWohllautes zwischen ihnen obwalten.

Jenes große französische Gespräch über die höheren Angelegenheiten desLebens, welches im Jahrhundert Ludwigs XIV. begann, zuvörderst alle aus-gezeichneten, kräftigen, besonders aber alle galanten und liebenswürdigenNaturen jener Zeit mit sich fortriß, dann alle Höfe von Europa und von dortaus die Sitten und Meinungen der Völker ergriff, von einer Reihe glänzenderSchriftsteller an allen Enden der gesitteten Welt wiederholentlich von neuemangefacht wurde, und erst seit zwanzig Jahren allmählich zu verlöschen undin ein totes Formenwesen zu zerfallen scheint, wie hätte es sich erhalten undeine Art von Weltherrschaft vorbereiten können, ohne ein gewisses Gesetzdes Anstandes, dem sich die verschiedenartigsten Naturen mit Neigung unter-werfen konnten. Es ist dies Gesetz jenes geheimnisvolle Wesen, womit dieKritik des XVIII. Jahrhunderts sich vielfältig gequält, ohne es ergründenzu können: guter Geschmack wird es genannt, sehr sinnreich und bezeich-nend für eine unbekannte und unergreifliche Eigenschaft vielmehr der Verhält-

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