Um die Grenze zu bestimmen, an der das Vergangne vergessen werden muß,wenn es nicht zum Totengräber des Gegenwärtigen werden soll, müßte mangenau wissen, wie groß die plastische Kraft eines Menschen, eines Volkes,einer Kultur ist; ich meine jene Kraft, aus sich heraus eigenartig zu wachsen,Vergangnes und Fremdes umzubilden und einzuverleiben, Wunden auszu-heilen, Verlornes zu ersetzen, zerbrochne Formen aus sich nachzuformen.Es gibt Menschen, die diese Kraft so wenig besitzen, daß sie an einem einzigenErlebnis, an einem einzigen Schmerz, oft zumal an einem einzigen zartenUnrecht, wie an einem ganz kleinen blutigen Risse, unheilbar verbluten;es gibt auf der anderen Seite solche, denen die wildesten und schauerlichstenLebensunfälle und selbst Taten der eignen Bosheit so wenig anhaben, daß siees mitten darin oder kurz darauf zu einem leidlichen Wohlbefinden und zueiner Art ruhigen Gewissens bringen. Je stärkere Wurzeln die innerste Natureines Menschen hat, um so mehr wird er auch von der Vergangenheit sich an-eignen oder anzwingen; und dächte man sich die mächtigste und ungeheuersteNatur, so wäre sie daran zu erkennen, daß es für sie gar keine Grenze deshistorischen Sinnes geben würde, an der er überwuchernd und schädlich zuwirken vermöchte; alles Vergangne, eignes und fremdestes, würde sie an sichheran-, in sich hineinziehen und gleichsam zu Blut umschaffen. Das, waseine solche Natur nicht bezwingt, weiß sie zu vergessen; es ist nicht mehr da,der Horizont ist geschlossen und ganz, und nichts vermag daran zu erinnern,daß es noch jenseits desselben Menschen, Leidenschaften, Lehren, Zweckegibt. Und dies ist ein allgemeines Gesetz: Jedes Lebendige kann nur innerhalbeines Horizontes gesund, stark und fruchtbar werden, ist es unvermögend,einen Horizont um sich zu ziehn und zu selbstisch wiederum, innerhalb einesfremden den eignen Blick einzuschließen, so siecht es matt oder überhastigzu zeitigem Untergange dahin. Die Heiterkeit, das gute Gewissen, die froheTat, das Vertrauen auf das Kommende — alles das hängt, bei dem Einzelnenwie bei dem Volke, davon ab, daß es eine Linie gibt, die das Übersehbare,Helle, von dem Unaufhellbaren und Dunkeln scheidet. (Nietzsche, Vom Nutzenund Nachteil der Historie für das Leben, 1873.)
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