chaotischen Fluten zur Klarheit bringt. Jede noch so rohe und wilde Natur-bewegung begleitet aber die nie untergehende Idee. Wo ein Krater einstürzt,ein Vulkan sich erhebt, hängt sich Schönheit oder Erhabenheit um seineFormen; wo eine Nation auftritt, lebt geistige Form, und Phantasie und Ge-müt rührender Ton in ihrer Sprache. Drum ist in jedem Untergang Trost undin jedem Wechsel Ersatz. (Wilhelm von Humboldt, Betrachtungen über dieWeltgeschichte, 1814.)
LEBENDIGES UMSCHAFFEN DER GESCHICHTE
Nur aus der höchsten Kraft der Gegenwart dürft ihr das Vergangne deuten:nur in der stärksten Anspannung eurer edelsten Eigenschaften werdet ihrerraten, was in dem Vergangnen wissens- und bewahrenswürdig und großist. Gleiches durch Gleiches! Sonst zieht ihr das Vergangne zu euch nieder.Glaubt einer Geschichtsschreibung nicht, wenn sie nicht aus dem Haupteder seltensten Geister herausspringt; immer aber werdet ihr merken, welcherQualität ihr Geist ist, wenn sie genötigt wird, etwas Allgemeines auszusprechenoder etwas Allbekanntes noch einmal zu sagen: der echte Historiker muß dieKraft haben, das Allbekannte zum Niegehörten umzuprägen und das All-gemeine so einfach und tief zu verkünden, daß man die Einfachheit über derTiefe und die Tiefe über der Einfachheit übersieht. —
Also: Geschichte schreibt der Erfahrene und Überlegene. Wer nicht Einigesgrößer und höher erlebt hat als alle, wird auch nichts Großes und Hohes ausder Vergangenheit zu deuten wissen. Der Spruch der Vergangenheit ist immerein Orakelspruch: nur als Baumeister der Zukunft, als Wissende der Gegen-wart werdet ihr ihn verstehen. Man erklärt jetzt die außerordentlich tiefeund weite Wirkung Delphis besonders daraus, daß die delphischen Priestergenaue Kenner des Vergangnen waren; jetzt geziemt sich zu wissen, daßnur der, welcher die Zukunft baut, ein Recht hat, die Vergangenheit zu richten.Dadurch, daß ihr vorwärts seht, ein großes Ziel euch steckt, bändigt ihr zu-gleich jenen üppigen analytischen Trieb, der euch jetzt die Gegenwart ver-wüstet und alle Ruhe, alles friedfertige Wachsen und Reifwerden fast un-möglich macht. Zieht um euch den Zaun einer großen und umfänglichenHoffnung, eines hoffenden Strebens. Formt in euch ein Bild, dem die Zu-kunft entsprechen soll und vergeßt den Aberglauben, Epigonen zu sein. Ihrhabt genug zu ersinnen und zu erfinden, indem ihr auf jenes zukünftige Lebensinnt; aber fragt nicht bei der Geschichte an, daß sie euch das Wie? das Womit?zeige. Wenn ihr euch dagegen in die Geschichte großer Männer hineinlebt,so werdet ihr aus ihr ein oberstes Gebot lernen, reif zu werden, und jenem läh-menden Erziehungsbanne der Zeit zu entfliehen, die ihren Nutzen darin sieht,euch nicht reif werden zu lassen, um euch, die Unreifen, zu beherrschen undauszubeuten. Sättigt eure Seelen an Plutarch und wagt es, an euch selbstzu glauben, indem ihr an seine Helden glaubt. Mit einem Hundert solcherunmodern erzogener, das heißt reif gewordener und an das Heroische gewöhn-ter Menschen ist jetzt die ganze lärmende Afterbildung dieser Zeit zum ewigenSchweigen zu bringen.
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