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Gott erkennen, wenn Gott sich ihr unmittelbar offen-bart, in ihren Gesichtskreis tritt."
Antw.: Unsere Vernunft ist nicht Gott, nicht der Urquell derexistirenden und möglichen Realitäten, dieser Urquell ist nur Gott.Unsere Vernunft muß sich daber, wenn sie nicht irren will, in ih-ren Urtheilen nach den Objekten richten, und zwar sowohlnacb den wirklichen, als nach den möglichen. Die richtig urthcilcn-de Vernunft erkennt also die Wahrheiten, die von ihr unabhängig,die nnr in Gott, dem Urquell aller Wahrheit, gegründet sind. Tic ^Vernunft ist also, obgleich nicht Schöpferin», doch Kenncrinn 'mehrerer Wahrheiten. Diejenigen Wahrheiten, die sich der Vernunftals an sich nothwcndige, unabänderliche Wahrheiten darstcllcn, z. B.die Wesenheiten der Substanz, der Wurde, der Freiheit, des Endli-chen, des Unendlichen . . . erkennet der vernünftige Geist des Men-schen mit dem Bcwußtscnn der apodiktischen Nothwendigkcit; die an-dern Wahrheiten aber, die sich als zufällig ankündigen, z. B. heuteist der Himmel trübe, heute ist meine Seele traurig, erkennet derfet- ^be als zufällige Dinge. Daher ist die Vergleichung der Vernunft miteinem Auge in gewisser Hinsicht sehr unpassend. Denn 1. unser Augesieht eigentlich gar nicht, sondern unser Geist durch das Auge, alsWerkzeug. 2. Was wir durch's Auge sehen, betrifft nnr zufälligeErscheinungen, und ist mit dem Bewußtseyn der absoluten (ewigen)Nothwcndigkeit nicht verbunden.
Um allen Zweideutigkeiten vorznbeugcn, sollte man lieber sagen:„Unser Geist, der das Vermögen sinnlicher Anschauungen und dasVermögen übersinnlicher Erkenntnisse (Vernunft) hat, unser Geist,in dem also die Vernunft nicht als eine besondere Sub-stanz, sondern nur als Vermögen zu denken ist, erkenntsinnliche, zufällige, er erkennt auch übersinnliche, nothwendige Din-ge. Obgleich nun das Reich der objektiven Wahrheiten von demmenschlichen Geiste unabhängig, und nur in Gott gegründet ist; ob-gleich dieses Reich abgeschlossen, unvergrößerbar, und nichts Neuesmehr hineiiizusetzen ist; obgleich das unendliche Reich der objektivenWahrheiten in dem endlichen Geiste nicht eingeschlossen ist: so er-kennet doch der menschliche, endliche, Geist Vieles von diesem Rei-che, und hat die Fähigkeit und die Bestimmung, immer Mehre- 'res davon zu erkennen; so soll derselbe seine nothwendigenDenk- und Erkcnutnißgesetze gehörig benutzen, durch die Anwendungderselben immer mehrere reale Erkenntnisse sich verschaffen; dabeiinsbesondere auch die durch eine höhere OffenbarungGottes bekannt gemachten Wahrheiten gläubig in sichanfnehmen, und so durch den Gebrauch der natürlichenKräfte und der übernatürlichen Offenbarung die realen über-sinnlichen Kenntnisse erweitern. Auf diese Weife verbinden wir ver-nünftig, was Gott verbunden wissen will; wir erklären unsere Ver-nunft nicht für in jeder Hinsicht trügerisch (da wir, wennwir dieses thäten, selbst dann der Vernunft nicht trauen dürften,wenn sie die höhere Offenbarung erkennt); wir erkennen die Ver-