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Die spätem Chronisten und selbst die neuesten Lehr- und Schulbücher lassen die KöniginAgnes von Ungarn, das dritte Kind Albrechts, in der Blutrache eine treibende, grausame, scheuss-liche Rolle spielen. Stumpf ist es, der sie zuerst in diese blutige Geschichte hineinzieht underzählt, umsonst habe Gertrud von Wart sie kniefällig um Gnade für ihren Gatten angeflehlt;durch Agnes seien 63 Schlösser und über 1000 Menschen hingerichtet worden;!) und Tschudi be-richtet: Si was ein wunderbar alte Trugnerin, listiger dann ein Fuchs, . . . nit jedermannhielt vil uff ihrem geistlichen Wandel; endlich schrieb Joh. v. Müller, Gertrud habe Agnesbei Gottes Gnade am jüngsten Tage vergeblich knieend um das Leben ihres Mannes gefleht.Die gleichzeitigen Chronisten berichten gar nichts davon, dass Agnes am Blutgerichte gegenWart teilgenommeu habe. So wenig wie jetzt konnte damals eine Frau den Vorsitz in einemGerichte führen, ja sie durfte ohne Vormund gar keine rechtliche Handlung vornehmen; ihrstand somit auch kein Begnadigungsrecht zu, sondern allein dem Kaiser oder dem HerzogLeopold. Agnes, eine treue Anhängern! Ostreichs in unsern Landen, hatte während manchenJahrzehnten die Interessen ihres Hauses mit grossem Geschick und seltener Klugheit gegen dieEidgenossen gewahrt und sich deshalb mit dem Hass der Schweizer Chronisten beladen. Ihrschrieben sie daher manche unnatürliche Grausamkeiten zu, die sich ihre Mutter, die KöniginElisabeth, hatte zu schulden kommen lassen. 2 ) Als Herzog Friedrich bei der Zerstörung derSchnabelburg Gnade zeigen wollte, ,.do zurnde ernstlich sin muoter diu kuniginne", berichtetdie östreichische Reimchronik von Ottokar. Zerstört wurden die Burgen Multberg, Wart,Eschenbach, Altbüren und Schnabelburg und die Besatzungen der beiden letzten hingerichtet.Darin stimmen alle zeitgenössischen und spätem Chronisten überein, Gertrud vonWart habe ihren Gatten im Unglück nicht verlassen, sondern sei ihm bis in den Tod treugeblieben. Die Sage berichtet, die Herzoge von Ostreich und die Königin Agnes hätten sieim Schlosse Kiburg gefangen gehalten, und noch vor kurzer Zeit zeigte man daselbst denKerker, in welchem sie geschmachtet habe. Auch dies lässt sich nicht beweisen; Gertrudwurde nie eingekerkert und konnte sich frei bewegen. Sehr wahrscheinlich hat Appenzeller,Pfarrer in Brütten, mit seinem historischen Gemälde: Gertrud von Wart zu dieser Sage Ver-anlassung gegeben (1827).
9. Die Nachkommen Rudolfs III. von Wart.
a) Anna, Johann und Marquart von Wart.
Wohin musste Gertrud von Wart nach dem Tode ihres Gatten ihre Schritte wendenund einen Zufluchtsort suchen ? Sicher weder nach Winterthur noch nach Zürich. Sie wan-derte nach Basel, wo die Gegner Ostreichs immer noch die Oberhand hatten, wo ihr BruderRudolf von Balm versteckt lebte, und wo sie von ihren Söhnen und Verwandten unterstütztwerden konnte. Vielleicht durch Vermittlung ihres Schwagers Jakob von Wart und durchden Einfiuss anderer Bekannten und Freunde gelang es ihr, ihre Eigengüter wenigstens teil-weise wieder zu erhalten. Im Jahre 1316 kam sie nach Winterthur und verkaufte da mitHülfe ihres hiezu bestellten Vogtes Jakob von Wart auf offenem Markte dem Kloster Töss denhintern Hof in Dättlikon, einen Weingarten und eine Hube um 130 Mark (ca. 37,000 Fr.) Silber,
') Vergleiche Zürcher Lesebuch Primarsch. V. Kl., S. 134. -') Stammler, Bern. Taschenbuch 1888.