Der Unterlehrer Valentin Trozendorf. 53
eine Universität zu beziehen. Der Vater hielt den kleinen Valentinbald zu seinem eigenen Beruf au, so daß er anfangs ohne jedeSchulbildung aufwuchs. In der Familie herrschte frommer Sinn,der Vater nahm die Almosen heischenden Franziskaner aus Görlitzireundlich bei sich auf, bewahrte die von ihnen gesammeltenGaben auf und führte sie ihnen in das Kloster, wenn er den Marktin Görlitz besuchte. Valentin begleitete ihn häufig und sah beiden Besuchen im Kloster die Bibliothek, die ihn lebhaft be-schäftigte. Das und seine geweckten Fragen, seine Begierde zulernen, regten die Mönche an, die Eltern zu ermuntern, den Sohneiner Schule zu übergeben und ihn der gelehrten Bildung zu-zuführen. Die Eltern befolgten den Rat, und so kam Valentin 1506,also bereits 16 Jahre alt, auf die Stadtschule in Görlitz; das Klosterspeiste ihn mit täglichen Almosen. 1 ) Aber sei es, daß der Knabedem Vater in der Wirtschaft fehlte oder daß er selbst zuerst denMut verlor, Valentin kehrte schon 1507, nachdem er kaum dieBuchstaben zu unterscheiden und zu verbinden gelernt hatte, nachHause zurück, zum Leidwesen der Mutter, die ihn lieber als Mönchoder Priester wiedergesehen hätte. Sie setzte es durch, daß erneben seiner ländlichen Tätigkeit wenigstens Lesen und Schreibenbei dem Pfarrer und dem Küster des Dorfes lernte. Wenn er dieväterlichen Rinder weidete, übte er sich im Schreiben auf derweißen Innenseite der Birkenrinde mit Gänsefedern oder einemKohre aus dem Sumpfe. Ruß zur Tinte lieferte ihm der Rauchfang,und das Tintenfaß war die Scherbe eines zerschlagenen Käsetopfes. 2 )Diese Beschäftigung richtete immer wieder seinen Sinn aufdie Schule, und da der Tod des Vaters der Mutter ermöglichte,auf ihren Wunsch wieder zurückzukommen, so kehrte er zwei Jahrespäter, 1509, nach Görlitz zurück 3 ) und entfaltete nun, älter und
l ) Vgl. Ludovicus, Nuncupatio Bl. B2: „Gorlicü Anno M. D LXXXI inGoenobio scholae augustae, quod anno 1506 eleemosynis quotidie pauit Troce-dorfium prima hterarum elementa discentem "
•) Hierzu Rhau Melanchthon; Rhau', Rosarium; Mylius, N„ Elegia:rozendorf, Precationes von 1581 Bl.b8-c3v. Man hat bei Myliu, b Terdie Stelle übersehen, wo die Mutter sagt:
„Ante diem quoniam drum tibi fata parentem
Et mihi dilectum surripuere virum,Qui pater est viduis carisque parentibus orbis,Nos precor aeternus curet ametque Deus."3 ) Vgl. Trozendorf, Methodi Bl. 43, Praefatio V. Trocedorfii recitata inrepetitione doctrinae Catecheticae Anno 1552 18. Martii: „Anni iam sunt quadra-ginta tres, cum mea rnater postremo me a se dimitteret."