Spiritusfabrikation. 215
Entwickelung der Hefe beitragen, aber die verschiedenen Verbindungensind in dieser Beziehung keineswegs gleichwertig in ihrer Leistung.So erwies sich Eiereiweiss 1 ), allen früheren Angaben entgegen-gesetzt, als nicht besonders befähigt, die Hefe künstlich zu ernähren,besser abgepresste Muskelflüssigkeit und Blutserum. AndereSubstanzen, wie Leim und Casein, brachten zwar die Hefe zur Ent-wickelung, aber selten die Alkoholhefe allein, da dieselbe ein zu gün-stiges Medium für die Entwickelung des organisirten Milchsäurefermentesist. Das beste Mittel für die Ernährung und Vermehrung der Hefewaren aber ihre eigenen, in Wasser löslichen stickstoffhaltigen Ver-bindungen — ihr Wasserextract. Bei weitem die interessanteste That-sache, welche zwar von Liebig später heftig bestritten, von Duelauxund später auch von A. Mayer jedoch vollkommen bestätigt wurde,ist die, dass die Hefepflanze ihren Stickstoffbedarf aus sehr einfachenanorganischen Verbindungen — aus Ammoniumsalzen — beziehenkann, wenn dieselben neben Zucker und den nothwendigen Mineral-stoffen dargeboten werden. Damit steht die Hefepflanze vollständigauf einer Stufe mit den höher organisirten Pflanzen, welche bei densogenannten Wasserculturen 2 ) gleichfalls allein mit diesen Stoffen er-nährt werden konnten, und ein Zweifel an der pflanzlichen Natur derHefe kann nun nicht mehr laut werden 3 ).
Auch ohne Nahrungsmittel im engeren Sinne (Mineralstoffe undstickstoffhaltige Substanzen) vegetirt die Hefe nach Pasteur weiterund erregt in reiner Zuckerlösung Gährung; ihr Leben soll sie in die-sem Falle aus den löslichen stickstoffhaltigen Substanzen und Mineral-stoffen ihrer eigenen Gewebe fristen, so dass gewissermaassen die Mut-terkügelchen der Hefe von den Tochterkügelchen ausgesogen werden.Es bleibt in solchem Falle nach Vollendung der Gährung eine kranke,ausgezehrte Hefe zurück, welche von Neuem Gährung gar nicht mehroder nur träge zu erregen vermag. Jedoch auch hier findet nachPasteur eine Vermehrung und Organisation der Hefesubstanz statt,durch welche die Gährung bedingt wird.
Liebig in seinem Kampfe gegen die Pasteur’sehe Theorie hatdie Exactheit derjenigen Versuche Pasteur’s, welche eine unter allen
J ) Uebrigens bereits von Berzelius angegeben. 2 ) Vergl. die Versuchevon Knop, Nobbe u. A.). s ) Das geschilderte Verhalten der Hefe ist alsein Hauptargument gegen die mechanische Gährungstheorie benutzt, insoferndie Hefe nicht allein Stickstoff an die Gährungsflüssigkeit nicht abgäbe, son-dern zur Vollziehung der Gährung sogar daraus aufnähme. Das Argumentverliert jedoch seine Beweiskraft, sobald man Entwickelung der Hefe undErregung von Gährung, wie dasselbe von Liebig u. A. geschehen ist, trennt,man darf nach der neuerdings reformirten, mechanischen Gährungstheorieeine Nährstoffaufnahme während des 'Wachsthums der Hefe zugehen unddoch daran festlialten, dass die Gährung nicht in directem Zusammenhangzu dieser Nährstoffaufnahme stehe.