Die Cultur der Chinarinden.
Von Julius Jobst.
Fabrikbesitzer in Stuttgart.
Die ostindischen Chinarinden der Wiener Weltausstellung erregenmit Recht das höchste Interesse, da sie ein unentbehrliches Heilmittel,um dessen künftige Beschaffung man in den letzten Jahrzehnten häufigbesorgt sein musste, der leidenden Menschheit für alle Folge verbür-gen, dann aber bekundet die endlich gelungene Verpflanzung der Rin-den selbst von ihrer Heimath in Südamerika nach Ostindien einenschönen Sieg menschlichen Unternehmungsgeistes und menschlicherAusdauer über alle entgegenstehenden Schwierigkeiten.
Um in gedrängten Worten mit der Geschichte der Chinarinden zubeginnen, so war es im Jahre 1638, dass die Gräfin von Chinchon,Gemahlin des spanischen Vicekönigs zu Lima, welche an einem heftigenFieber darniederlag, durch den Genuss einer Rinde geheilt wurde,welche ihr der spanische Corregidor von Loxa, Don Juan Lopez deCanizares, übersandte, nachdem er einige Jahre vorher in eigenerKrankheit deren gute Wirkung erprobt hatte.
Dank dieser Kur hat Linne später der Familie der Chinapflanzenden Namen der Cinchonen gegeben.
Die Kenntniss der Rinde selbst kam nach solch günstigem Resul-tate bald in das Mutterland, von da nach Rom und an den Hof Lud-wigs XIV., doch vergingen noch viele Jahre heftigster Controverse, bisetwa zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts die Chinarinde in all-gemeinen Gebrauch überging; ihre Hauptrolle begann aber erst nach-dem Pelletier und Caventou im Jahre 1820 den wirksamsten Be-standtheil derselben, das Chinin, entdeckt hatten.
Die Chinapflanzen, deren erste Beschreibung wir der französischenExpedition unter La Condamine im Jahre 1740 verdanken, kommenvon 19° südlicher bis 20° nördlicher Breite vor, sie wachsen längsder Gebirgskette der Cordilleras de los Andes in einer kühlen undgleichmässigen Temperatur, an den Abhängen der Berge sowohl alsin den Hochthälern zwischen 2500 bis 9000 Fuss über dem Meere.