Spiritusfabrikation. 213
der Hefe, auch wenn man dieselbe wirklich als organisirt auffasse, ihrTod, nicht ihr Wachsthum und Leben sei, welcher die Gährung ver-ursache. Mit der ihm eigenen Kraft der Darstellung, mit glänzenderBeredtsamkeit und Ueberzeugungsgabe in Wort und Schrift, ja auchmit heissender Satire 1 ), bekämpfte Liebig die Ansichten seiner Geg-ner, der Anhänger der vitalen Gährungstheorie, in einer Weise, dassdieselben wirklich für lange Zeit aus dem Felde geschlagen, und diemechanische Gährungstheorie, als die befriedigendste Erklärung derGährungsvorgänge, allgemein angenommen wurde.
Erst in den Jahren 1858 bis 1863 trat ein französischer Chemi-ker Pasteur mit den Resultaten mühevoller und umfangreicher Unter-suchungen gegen die mechanische Gährungstheorie auf und zwar mitsolchem Erfolge, dass mit einem Schlage die Liebig’sche Theorie inihrer bisherigen Form unhaltbar wurde.
Das wesentlichste Resultat der Pasteur’schen Untersuchungenbesteht darin, dass nicht allein die organisirte Natur der Hefe überallen Zweifel erhoben, sondern auch die Lebensbedingungen der letz-teren auf das Eingehendste studirt, und der exacte Nachweis geführtwurde, dass unorganisirte Körper unter keinen Umständen alkoho-lische Gährung erregen könnten.
Im Gegensatz zu der von Liebig ausgesprochenen Ansicht lässtsich daher die Pasteur’sche Theorie in den Satz zusammenfassen:
„Die Gährung ist ein Vorgang, welcher in Beziehungsteht nicht zum Absterben und zur Zersetzung der Hefe,sondern zum Lebensprocess und zur Entwickelung der-selben. Alkohol und Kohlensäure sind entweder die Stoff-wechselproducte der Hefepflanze, welche Zucker zum Auf-bau und zur Unterhaltung ihres Körpers aufnimmt und dieerstgenannten Stoffe als Zersetzungsproduote dafür aus-scheidet, oder die Producte der Einwirkung eines Fer-mentes auf den Zucker, welches durch die Organisationder Hefe entsteht und während derselben wirkt 2 ).“
Die experimentelle Begründung dieser Theorie verdient in vielenStücken classisch genannt zu werden; war auch die Thatsache von derpflanzlichen Natur der Hefe bereits durch Oagniard de Latour undSchwann constatirt und muss auch manche der von Pasteur beob-achteten Erscheinungen nach neueren Untersuchungen Anderer eineandere Erklärung finden, so ist es doch Pasteur’s unbestreitbares undhohes Verdienst, dass er die Gährungschemie mit einer Fülle von neuen
J ) Vergl. Ann. Chem. Pharm. XXII, 100. 2 ) Man sieht, Pasteur hat
es nicht unbedingt ausgesprochen, dass Zucker ein Nahrungsmittel der Hefesei, Alkohol und Kohlensäure aber Secrete; allein er weist andererseits dieseAnsicht nicht zurück.