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Gruppe 111. Chemische Industrie.
Die Ansichten, welche Liebig zuerst in einem in Poggendorff’sAnnalen der Chemie und Physik „Ueber die Erscheinungen derGährung, Fäulniss und Verwesung und ihre Ursachen“ ent-haltenen Aufsatze 1839, sodann in den zahlreichen Auflagen seiner„Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie(I. Auflage, 1840)“, sowie an anderen Stellen mehrfach ausgesprochenhat, gipfeln ungefähr in folgenden Sätzen:
Unter dem Einflüsse des Sauerstoffs der Luft und bei Gegenwartausreichender Mengen von Feuchtigkeit ist die grosse Gruppe der Pro-teinstoffe befähigt, Zersetzungen zu erleiden, welche mit Fäulniss be-zeichnet werden. Der Sauerstoff ist die Hauptursache des Eintretensder Fäulnisserscheinungen, indem die Molecule des fäulnissfähigenKörpers in eine Bewegung versetzt werden, durch welche der Zerfalldes betreffenden Körpers eingeleitet wird; diese Bewegung der Mole-cule dauert fort, auch wenn der zur Einleitung der Bewegung noth-wendige Sauerstoff im Verlaufe der Erscheinung ausgeschlossen wird.Kommen die in Bewegung begriffenen Molecule eines solchen Körpers,welcher Ferment genannt wird, mit den augenblicklich ruhenden,aber zur Bewegung und zum Zerfall leicht disponirten Moleculen einesanderen Körpers zusammen, so wird letzterer durch Uebertragungder Bewegung zur Zersetzung gebracht.
Ein Ferment ist nun nach Liebig die Hefe; dieselbe beginntunter dem Zutritt von Sauerstoff eine lebhafte Zersetzung und über-trägt sie auf den Zucker, dessen Molecule hierdurch zu Alkohol undKohlensäure umgelagert werden. Da zum weiteren Verlauf der Be-wegung des Fermentes Sauerstoff nicht mehr erforderlich ist, so verläuftauch die Gährung hei späterem Sauerstoffansschluss vollständig, wennnur zur Einleitung der Bewegung anfänglich genügend Sauerstoff vor-handen war; die Gährung stellt sich demnach als ein mechanischerVorgang, als die Uebertragung einer Bewegung, wie man solche Vor-gänge vielfach in der Chemie kennt, dar.
Der wundeste Punkt der Liebig’schen Gährungstheorie war derUmstand, das dieselbe nicht in Einklang zu bringen war mit den Be-obachtungen Schwann’s und Caginard de Latour’s, dass die Hefeorganisirter Natur sei und dass demnach die Gährung nicht durchden Zerfall und die Auflösung der Hefe, wie Liebig ausschliesslichbehauptete, sondern durch die Organisation und das Wachsthum der-selben verursacht werde. Liebig leugnete anfangs vollständig dieorganisirte Natur der Hefe ab (Pogg. Ann. 1. c.) und als er die-selbe in Folge späterer Untersuchungen von Mitscherlich und An-deren zugeben musste, hielt er an der Behauptung fest, dass auchandere, zweifellos unorganisirte Stoffe, wie Pflanzenleim, Eiweiss,Blut etc., die Alkoholgährung erregen könnten, welche nur durch denZerfall dieser Körper eingeleitet werde, ebenso wie es auch der Zerfall